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In eigener Sache


Jürgen Gerhardt  [Redaktion]
Foto: © Linde Arndt

  [jpg] 6 Jahre sind wir mit EN-Mosaik jetzt schon dabei. Was haben haben wir nicht schon alles gesehen und erlebt, was fotografiert, was geschrieben. Wir haben berichtet, dokumentiert, kommentiert aber uns auch erfolgreich engagiert. Eines haben wir immer wieder gemacht, wir sind zurück nach Ennepetal gekommen , hier, wo es doch an so vielen Ecken nicht klappen will. Wir haben die Verbindung nie abreißen lassen und haben immer wieder Ennepetal kritisch begleitet, hier, wo Kritik auf Blasiertheit trifft. Zu kritisch?

Ja, für einige Politiker und Ennepetaler offenbar zu kritisch. Wie anders sind die zwei Anzeigen bei der Hagener Staatsanwaltschaft zu verstehen, die übrigens beide niedergeschlagen wurden.

Ennepetals Lokaljournalisten haben den kritischen Journalisten verlernt, was natürlich bequemer ist. Auf Du und Du mit allen zu sein, erinnert mich immer wieder an Franz Josef Strauß (CSU) mit seinem: „Everybodys Darling is Everybodys Depp“.
Die Harmoniefalle scheint eine Ennepetaler Erfindung zu sein. Aber wir müssen Ennepetal auch dankbar sein; denn ohne diese haarsträubenden Verhältnisse wären wir nie so schnell  so groß geworden. Immerhin haben wir heute fast 600.000 Besucher monatlich, weiterhin steigend.
Anfangs unserer neuen Tätigkeit mussten wir zuzahlen. Die ganze Fahrerei alleine riss schon eine große Lücke in unsere Kasse. Wir waren denn auch erfreut, als wir im dritten Jahr Überschüsse erwirtschafteten, die dann auch linear weiter anstiegen und noch steigen. Wir haben Menschen kennen gelernt, mit denen wir gerne zusammen waren und sind. Es war und ist uns immer wieder eine Freude und Lust, mit diesen Menschen zusammen zu arbeiten.
Ein Wermutstropfen tat sich dennoch auf: Viele liebe Menschen mussten wir vernachlässigen, ja, ließen sie irgendwie zurück. Das ganze erinnerte uns ein bisschen an die „Morgenlandfahrer“ von Hermann Hesse.

   
Menschenmenge auf der Loveparade kurz vor dem tragischen Ereignis                                                   Foto: © Linde Arndt
 

Wir haben aber auch schlimme Vorfälle gesehen und durchlebt, die heute noch in uns nachwirken. Wir denken an die Duisburger Katastrophe, die Loveparade, die für 21 junge Menschen zur tödlichen Falle wurde. Wir sind froh und glücklich, das unsere  beiden jungen freien Journalisten, die uns hierbei begleiteten, von sich aus von der Berichterstattung am Eingang der Loveparade zurückgekommen waren, da es ihnen da zu eng wurde. Nicht auszudenken, wenn sie 30 Minuten später mit in das tödliche Getümmel geraten wären. Auf uns wirkte  in Folge auch das erbärmliche und widerwärtige Verhalten der Duisburger Verwaltung und der Politik – glücklicherweise waren nicht alle so. Im Nachhinein haben wir Duisburg selbstkritisch für uns aufgearbeitet. Die gesamten digitalisierten Dokumente der Loveparade haben wir in die Tiefen unserer Festplatte verbannt. Wir wollten von dieser Katastrophe nicht partizipieren.

Politische Zeitgenossen aller Parteien – und nicht nur diese –  wollen Journalisten gerne instrumentalisieren oder sich von ihnen gar promoten lassen. Nur sollte ein Journalist sich dann fragen ob er beliebig werden oder seinen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen will. Die Presse- und Meinungsfreiheit gab und gibt es nicht umsonst. Wir für uns haben diese Frage gestellt und auch beantwortet. So ist das höchste Lob für einen Journalisten, wenn er eben nicht von Politikern gelobt wird, sondern als Mensch erkannt wird der Informationen verarbeitet, aufbereitet und dann in einen Artikel einfließen lässt. Lobt ein Politiker einen Journalisten, so gleicht das einem Rufmord. Journalisten sind aber auch Mahner, Kritiker und Wegweiser über das  Tagesgeschehen hinaus. Dafür erhalten sie von ihren Lesern und Kollegen, dies, womit sie gut und gerne leben – Achtung, Respekt und Aufmerksamkeit  für diese ihre Leistungen.

Kommen wir mal zur Definition Journalist. Viele Menschen meinen Journalisten müssten alles was  gesagt wird eins zu eins wiedergeben. Wenn also ein „Jemand“ sagt, die Erde ist eine Scheibe, so soll der Journalist das auch so und nicht anders wieder geben. Toll! Die Unterstellung dabei bedeutet, ein Journalist ist ein Idiot! Besonders in Ennepetal ist mir das aufgefallen. Das, worauf ein Journalist aufbaut, nennt sich doch Presse- und Meinungsfreiheit. Wenn ein Journalist  stattdessen nunmehr behauptet, die Erde ist eine Kugel, statt eine wie ihm übermittelte Scheibe, so ist das a) seine eigene Meinung und b) er hat auch noch Recht.  


Pressekonferenz in Essen  
Foto: © Linde Arndt

Er muss natürlich mit der Wut des Zeitgenossen rechnen, der etwas anderes behauptet hat. In der Regel ist dieser Zeitgenosse aus einem anderen, früheren System des vorigen Jahrhunderts  übrig geblieben und wollte mittels dieser Verhaltensweise Menschen dominieren,  manipulieren oder gar disziplinieren. Was dieser Jemand in einem Journalisten sah, ist unseres Erachtens  nur der Spin-Doctor englischer Prägung, sofern diese lokalen Größen wissen was das ist. Einige dieser Zeitgenossen  meinen gar, Journalisten befinden sich auf der Payrolle ihrer Partei oder ihres Unternehmens. Lassen wir uns aber weiter mit der Definition Journalismus befassen.

Zu Beginn unserer Tätigkeit kamen wir in der Regel mit Lokaljournalisten der WAZ Gruppe, wie WR, WP,  WAP oder Radio Ennepe Ruhr, zusammen. Deren Arbeit war und ist  geprägt von Rücksichtnahme gegenüber einem oder den potenziellen Anzeigenkunden oder aber Informationsträgern. Wir aber wollten mehr! Vorbild unseres Journalismus waren die Regeln des New Journalism der 60er Jahre eines Thomas Wolfe bei der Herald Tribune oder der Washington Post, Truman Capote, Norman Mailer, Bob Woodward, Carl Bernstein oder Seymour Hersh, alle als „Muckraker“ in US Amerika verschrien und, man höre, beliebt. Deutsche Journalisten können jedoch auch sehr gut als Vorbild dienen wie Carolin Emcke, Sonia Mikich, Maria von Welser, Heribert Prantl,Hans Leyendecker, Nikolaus Brender um einige Namen der Neuzeit zu nennen, allesamt jedoch nicht im lokalen Bereich tätig.

Der deutsche Lokaljournalismus war und ist für uns so nicht akzeptabel, da er mehr oder weniger eine Art von Bericht als Form wählt die mehr einem Polizeibericht ähnelt –  einer Schilderung. Durch bewusstes weg lassen von Fakten entsteht immer der Eindruck, es wäre alles im lokalen Bereich in Ordnung. Mit seiner Meinung, sofern er eine hat, hält er,der Lokaljournalist,  zurück. Er könnte ja jemanden  verprellen. So hat er, der Lokaljournalist, keine eigene Meinung, ist nicht kritisch und beinhaltet immer ein Stück weit den vorauseilenden Gehorsam dem "Gutsherrn", wie Bürgermeister oder Firmeninhaber, gegenüber. Die ihm vom Grundgesetz gegebenen Freiheiten nutzt er nur rudimentär. Den Zugriff auf die Hintergrundinformationen, die ja dem Leser erst die Möglichkeiten der eigenen Meinungsbildung gibt, nutzt der deutsche Lokaljournalist einfach nicht. Da wird manchmal ein Zerrbild des realen Alltags in deutschen Städten beschrieben, was den Lokaljournalisten aber auch den Journalisten in Verruf bringt. Kein Wunder wenn sich die Blogger der digitalen Welt auf dem Vormarsch befinden. Folge:Ein Lamento der lokalen Printmedien auf das "böse" Internet und die Blogger.

Wie also verträgt es sich, wenn sich Lokaljournalisten anbiedern und mit ihrem Gegenüber auf Du und Du sind? In diesem Fall kann man wohl nicht von einer unabhängigen Pressearbeit reden. Kann denn ein Lokaljournalist Qualitätsjournalist sein? Ja, er könnte. Wenn er sich aus dem Sumpf der deutschen Städte heraus halten würde und Abstand halten würde. Und, man muss nicht über jeden Karnickelverein oder jedes Klassentreffen Ehemaliger einen Artikel schreiben. Die Zeit kann man besser nutzen um Themen qualitativ besser aufzubereiten. Manchmal ist weniger auch mehr. Wohl gemerkt, wir sprechen über den Lokaljournalismus. Lokaljournalisten sprechen zwar über Qualitätsjournalismus, wagen diesen jedoch nicht umzusetzen.

Während in anderen Ländern der Journalismus sich weiter entwickelte, blockiert der deutsche Journalismus, indem er die digitale „Revolution“ ignoriert. Die Deutschen gehen noch einen Schritt weiter, indem die Bundesregierung mit einem neuen Leistungsschutzrecht (für Presseverleger der Printmedien) aufwarten, welches den derzeitigen Zustand zementieren soll. Ja, der Fortschritt der durch die digitale Revolution erbracht wurde, soll zurück geschraubt werden. Wobei, wenn man es sich richtig überlegt, die Deutschen hatten es noch nie mit dem Fortschritt. Sie trabten immer hinterher und reihten sich ein wenn nichts mehr zu machen war. Die deutschen Verleger der Printmedien müssten neue Geschäftsmodelle entwickeln, wozu sie sich aber außerstande sehen. Die US Amerikaner ( nicht nur die) ihrerseits stellen inzwischen ihre Printausgaben teilweise ein und arbeiten mit neuen Geschäftsmodellen. Gravierende Managementfehler führten zur Insolvenz der Frankfurter Rundschau aber auch der FTD, weitere werden sicherlich folgen. Die Hilflosigkeit der deutschen Verleger ist schon einer herzzerreißende Angelegenheit.

Und so schreibt die FTD (Financial Times Deutschland) am 8.12.2012  als Abgesang in ihrer letzten Ausgabe:

ENTSCHULDIGUNG:
„ liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.“

[Quelle: FTD]

Wir haben aber noch ein Problem im lokalen Bereich erkannt. Immer wenn wir außerhalb Ennepetals unterwegs sind, sehen wir wie andere Städte ihre Probleme lösen. Meistens sind es die gleichen Probleme die auch Ennepetal vorhält. Wir sehen wie  manche dieser Probleme mit Bravour in den anderen Städten gelöst wurden und manche dieser Probleme schon zu Beginn zum Scheitern verurteilt waren. In Ennepetal stimmt es uns immer traurig wie kläglich Problemlösungen immer wieder scheitern, man sieht es schon am Anfang: Das geht schief! Und es geht fast immer schief. Was fehlt? Es fehlen in Ennepetal Menschen mit Fortune, mit Mut, Ehrgeiz und Durchsetzungskraft. Dann fehlen den Ennepetalern die übergreifenden sozialen Netzwerke. Eitle Menschen, die sich in den Mittelpunkt stellen, hat Ennepetal genug. Diese können in der Regel jedoch keine Probleme lösen. Um das deutlich zu machen: Der Vergleich mit anderen gleichartigen Städten bringt Ennepetal erst in Verruf.
Das Problem des Scheiterns ( In anderen Städten) korrespondiert mit einer danach einsetzenden Kritik, die sodann zu einem Korrektiv führt und letztendlich das aufgestellte und jetzt korrigierte Konzept erfolgreich werden lässt (Aus Fehlern lernen). Allerdings, Kritik und Ennepetal passt allerdings nicht zusammen.
Gute Städte verstehen sich mit den erarbeiteten Konzepten erfolgreich in den Vordergrund zu stellen und entwickeln so ihre Städte. Ennepetal weiß noch nicht einmal wie Erfolg geschrieben wird. Das was als Erfolg verkauft wird, stellt sich bei näherer Betrachtung als Normalität heraus. Ein erfolgreicher Koch  kann doch wohl nicht daran gemessen werden, dass er Wasser zum Kochen bringen kann. Also, woran liegt das? Es ist die mangelnde Erfahrung der Entscheider, das nicht über den Zaun sehen wollen, die fehlende Kommunikation mit Fremden (Den Anderen).


Linde Arndt
Fotojournalistin  EN-Mosaik

Foto: © EN-Mosaik Pool
   
Fehlende Bereitschaft, etwas neues erleben zu wollen,  führen solche Städte wie Ennepetal in die Ecke der „grauen Maus“.
Nun besteht ja der heutige Journalismus aus zwei Komponenten: Das Wort und das Bild.
Auch der Fotojournalist hat so seine Probleme im kleinstädtischen Lokalmilieu wie Ennepetal.
Im Klartext: Durch das Vergleichen mit anderen Städten gerät Ennepetal in mehrfache Schwierigkeiten. Eine davon: Wie soll eine Zusammenarbeit mit einer Kommune wie Gevelsberg funktionieren? Soll Gevelsberg in allen Bereichen sich zurückschrauben um Ennepetal das Gefühl zu geben, Ennepetal wäre eine Kommune die was zu bieten hat? Wohl kaum. Ennepetal kann kaum mit einer Kommune auf Augenhöhe verkehren.

Beispiele gefällig?

Ratssitzungen! In anderen vergleichbaren Städten sind die Pressesprecher immer im Stoff, sie kennen ihre Stadt. Jede Frage wird umgehend während der Sitzung beantwortet. Fehlende Informationen werden per pdf nach gemailt. Personen der Verwaltungen werden mit den Pressevertretern zusammen gebracht. Falls nötig werden Hintergrundinformationen ausgegeben oder nachgereicht. Wohlgemerkt wir sprechen nicht von der Landespressestelle, sondern von Kommunen in der Größenordnung von Ennepetal.
In Ennepetal wird es da schon schwierig, in der Regel wird erst einmal blockiert und nachdem die Unverfänglichkeit der Frage festgestellt wurde auch vielleicht geantwortet. Woran liegt das? Heute wissen wir, es ist eine Mischung aus Unvermögen und einem gewissen Grad an Faulheit gepaart mit dem Unverständnis gegenüber einer politischen Sachfrage. Daraus folgt: Man fragt als Presse nicht, man nimmt das was man kriegen kann.
Thema „Nicht öffentliche Sitzung“. In anderen Städten werden den Pressevertretern sogenannte geschwärzte oder gepunktete Vorlagen überreicht. In diesen Vorlagen ist alles geschwärzt bzw. gepunktet, was zu dem Status „nicht-öffentlich“ führte. So hat die Presse ihre Informationen und die Stadtverwaltung ein ruhiges Gewissen hinsichtlich der Verpflichtung Informationen (Informationspflicht) an die Presse zu übermitteln.
In Ennepetal habe ich mich einmal bemüht „nicht öffentliche“ Vorlagen zu bekommen. Zwei habe ich eingesehen. Es ist lachhaft, wie diese beiden Vorlagen zu dem Status „nicht-öffentlich“ gekommen sein könnten. Auch hier sieht man das Unvermögen der Vorlagenverfasser mit der Außenwelt zu kommunizieren. Es geht offensichtlich nach der Devise: Besser nichts herausgeben so kann auch nichts falsch dargestellt werden. So hat zumindest der Rat und die Stadtverwaltung das Gefühl der Wichtigkeit.

Stichwort Ennepetaler Veranstaltungen: Sie werden schlecht geplant, nicht abgestimmt und dann auch noch schlecht organisiert. Die Meilerwoche in 2012 war da eine rühmliche Ausnahme. Aber auch hier vermisste ich den unbedingten Willen zum Erfolg. Dann sind da noch die Probleme der Finanzierung und Werbung für diese Veranstaltungen. Fundraising, ein Fremdwort in Ennepetal, verkommt in der Hinsicht zur Bettelaktion in letzter Minute. Kein Wunder wenn die kalkulierten Kosten nicht gedeckt sind. Werbung, Marketing findet nur in dem Stadtteil statt, indem das Event stattfindet. Das letztendlich die notwendige Besucherzahl nicht erreicht wird ist logisch. Und von einer Außenwerbewirkung wollen wir mal gar nicht reden (Wir wollen ja unter uns bleiben).

Da findet z.Bsp. ein Event mit Kindern als Hauptdarstellern statt. Sämtliche Eltern sind anwesend. Klar das die Eltern ihren Sprößlingen applaudieren. Der Lokaljournalist stellt das in seinem Blatt so dar als wenn die Zuschauer begeistert von diesem Event gewesen wären. Er verschweigt allerdings, dass es nur die Eltern waren und sonst kein Besucher da war. Warum hatte er dies gemacht? Der Bürgermeister war anwesend und dem wollte er gefällig sein. Man nennt das auch Gefälligkeitsjornalismus. Letztendlich glaubt der BM selber die beschriebenen applaudierenden Zuschauer. Armer Kerl.

Sicher in vielen  anderen Städten ist es teilweise genauso, dort sind die gleichen schwachen Persönlichkeiten am Werk wie hier. Ein schwacher Bürgermeister mag eben keine starken Persönlichkeiten um sich, und schon gar  nicht die Wahrheit.
Der lokale Fotojournalist im EN-Kreis: Da werden die Protagonisten gestellt bis diesen schwindlig wird. Sie müssen Flyer einzelnd, gefächert oder wie auch immer vor ihre Körper halten. Nur was soll das? Das Bild soll was aussagen? Das der Protagonist einen Flyer, den übrigens weder im Print- noch im Online Bereich jemand lesen kann, halten kann? Dann –  bei normalen Bildern muss jeder Fotojournalist ein eigenes Bild in die Redaktion bringen. Wehe der Bürgermeister steht auch an der linken Seite wie bei den Kollegen. Unmöglich. Wie geht das in anderen Städten? Auch hier wieder ein Vergleich. Wenn wir auf Pressekonferenzen waren, kam es schon vor, dass ein Kollege aus einer anderen Redaktion angerufen hat und einen Kollegen um die Übersendung eines Bildes gebeten hat. Oder man hat einmal gestellt und alle haben fotografiert.

 
v.l.: Kulturstaatsminister Bernd Neumann,  Wikipedia Gründer Jimmy Donal „Jimbo“ Wales  und Rüdiger Frohn, Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Mercatorstiftung     Foto: ©  Linde Arndt
 

Kein Problem unter Kollegen. Es sei denn es waren Bilder der Zeitgeschichte, die für jeden von uns wichtig sind. Ein Bild mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Wikipedia Gründer Jimmy Donal „Jimbo“ Wales  und dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Mercatorstiftung Rüdiger Frohn ist natürlich ein Dokument welches einen gewissen Seltenheitswert besitzt. Auch die Bilder von Personen mit unterschiedlicher Mimik und Gestik bei EN-Mosaik, können zu den unterschiedlichsten Aussagen herangezogen werden und besitzen damit einen besonderen Wert.

Sie sehen, wir haben uns in den verschiedensten Bereichen entwickelt, wir sind jedoch noch nicht fertig entwickelt. Warum? Weil die Welt auch nie fertig sein wird und weil wir mitten in der Welt zuhause sein wollen, also müssen wir mit der Welt gehen. Wir haben nur ein Problem. Ein großes Problem! Wir haben 100 Jahre zu spät mit dem Journalismus angefangen und dafür wollen wir uns gerne entschuldigen.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus dem Netz.

 

Eine Lanze brechen für die gedruckte Zeitung

[jpg] Als Blogger im Internet müsste es mich freuen, wenn ich tagtäglich sehe wie die gute alte gedruckte Zeitung immer mehr zurück gedrängt wird und es abzusehen ist, dass sie letztendlich ganz aus unserer Gesellschaft verschwindet.

Ich freue mich jedoch nicht, vielmehr bin ich zutiefst besorgt, manchmal sogar entsetzt, wenn ich die hilflosen Reaktionen und Bemühungen der Verleger und Herausgeber der Verlage mit ansehen und ertragen muss.

Da geht Dr. Bernd Graff her und beschimpft in der Süddeutschen die Blogger als neue Idioten, Frank Schirrmacher von der FAZ möchte gar das gesamte Internet gleich verbieten und Josef Joffe von der Zeit meint gelassen das Internet wird sich irgendwie schon selber erledigen. Alle drei sind Multiplikatoren im Verlegergeschäft der Printmedien und sitzen an den Positionen an denen Entscheidungen getroffen werden (sollten). Und im Ausland? Die "The gray Lady" genannte New York Times spricht  von Aufgabe ihrer Printausgabe.

Was mich besorgt macht, sind sich diese, für mich hilflosen,  Verleger eigentlich bewusst, dass sie einem Bereich angehören der wesentlich zum Bestand unserer Demokratie beiträgt? Meinungs- und Pressefreiheit ist ein hohes Gut in den westlichen Demokratien. Nur diese Freiheit ist nicht umsonst zu bekommen oder ist eine Trivialität. Bestrebungen diese Freiheiten einzuschränken wurden immer wieder von den Verfassungsorganen der Staaten deutlich abgewiesen. Warum? Klug haben die Verfassungsrichter immer wieder gebetsmühlenartig erläutert, dass eine Beschneidung der Pressefreiheit letztendlich zur Aufgabe derselben führen würde. Und nun?

In den letzten Jahren vermerkte man, dass diese Pressefreiheit aus wirtschaftlichen Gründen durch Wegfall der Printmedien eintreten könnte. Dies würde eine nicht zu übersehende Schwächung der Meinungsvielfalt bedeuten, eine fatale Entwicklung. Das bedeutet aber, dass Andere das dann entstehende Vakuum ausfüllen. Und sie scharren schon mit den Hufen, diese Anderen: Wer sind die denn? Es sind z.B. die PR Abteilungen der Wirtschaft die Werbung mit Informationen schön verpacken um aber letztendlich ihr Produkte oder Leistungen an den Mann oder die Frau zu bringen. Dann sind Vereinigungen mit  ihren Presseabteilungen, die Meinung in ihrem Sinne als Wahrheiten verkaufen wollen. Na gut. Nun könnte man sagen, die öffentlich rechtlichen Medien, sind ja durch die Alimentation des Staates unabhängig und die werden es schon richten. Nur die Unabhängigkeit ist nur eine vermeintliche Unabhängigkeit, wenn man sieht wie ein Spitzenjournalist wie Nikolaus Brender vom ZDF aus dem ZDF entfernt wurde, weil die Linie dieses Journalisten nicht den anonymen Anforderungen entsprach –  Unabhängigkeit sieht für mich anders aus. Und die privaten Medien? Sie sind doch abhängig von der Wirtschaft indem sie von dieser alimentiert werden.

Einzig die Printmedien sind noch in der Lage unabhängigen Journalismus zu betreiben, denn noch haben sie eine starke Verlegergruppe. Nur was nutzt diese Stärke wenn man sich nur zögerlich an die veralteten Geschäfts- und Organisationsmodelle heran begibt. Viel Energie wird verbraucht den vermeintlichen Feind, das Internet oder die öffentlich rechtlichen Medien, zu bekämpfen. Dann ist diese unheilige Diskussion über die Rendite, die in ihrer Höhe nicht in Frage gestellt wird. Aber auch die Konzentration auf wenige Verlage, die darüber hinaus auch Gebietsabsprachen haben, steht der Umstrukturierung ( aber nicht nur der ) und Neuorganisation im Wege.

So haben sich die Printmedien ihr eigenes Dilemma geschaffen welches nur mit ihrem Untergang beseitigt werden könnte – so sieht es zumindest aus. Übrig bleiben werden nur wenige Medien, wie die großen Fernsehanstalten aber auch Verlage. Diese Machtkonzentration wird unserer Demokratie schweren Schaden zufügen; denn es wird keine Meinungsvielfalt mehr geben, ja, Meinung wird nur noch von und durch ganz wenige gelenkt und gemacht. Und darüber hinaus wird es einen großen Bereich Unterhaltung pur geben; alles wird in Ordnung sein wenn man nur das macht was uns vorgegeben wird. Und das Internet? Sicher es wird weiter die Bloggerszene geben die frei ihre Meinung von sich geben in ihrem Land oder anderswo, technisch bietet das Internet in dieser Beziehung ungeahnte Möglichkeiten. Nur was nutzt das, wenn die Blogger von den Informationen abgeschnitten  oder sogar gefiltert werden? Oder wie ist es, wenn viele Unternehmen eigene Blogger auf die Gehaltsliste setzen?

Gibt es einen Weg aus diesem Dilemma? Ja, gibt es.
Wenn die Verleger und Verlage sich auf das besinnen womit sie einmal angetreten sind. Wenn nicht das Profitstreben im Vordergrund steht sondern wenn sie sich als Regulativ verstehen. Als sie noch das als wahr geschrieben hatten, was auch wahr war. Wenn sie sich der Stärkung ihres lokalen Bereiches bedienen. Mit unabhängigen Journalisten die eine eigene Meinung hatten, die selbstbewusst ihre Artikel verfassten. Denn diese Journalisten wurden hoch geachtet aber auch gefürchtet, man denke da an Watergate oder die Spiegelaffäre. Klar, werden jetzt viele sagen. Aber wie finanzieren wir das?

Andreas Blum der ehemalige Direktor des Schweizer DRS Radios(Radio- und Fernsehgesellschaft der deutschen und rätoromanischen Schweiz) spricht sich für eine Alimentierung der Printmedien durch Gebühren aus. Die Gebühren sollen durch Umbuchungen von Radio und Fernsehen zu den Printmedien erfolgen. Demokratie und damit unsere Freiheit ist ein zu teures Gut, wir können es nicht der Marktmacht einiger Weniger opfern. Die Nivellierung von Meinung führt direkt zur Abschaffung der Demokratie durch die Hintertür. Blums Weg ist aber nur ein Weg, ein Mix von Wegen muss her.

Nur wenn die demokratischen Institutionen eine Gebührenlösung erarbeiten, so sollten sie die Verleger zwingen ihre alten teils lieb gewonnenen Strukturen zu überarbeiten und den heutigen Gegebenheiten anzupassen. Nicht Imperien der Presse sind angesagt, vielmehr sind kleine lokale höchstens regionale Einheiten erforderlich, die dem Anspruch einer freien Presse, so wie es sie mal gab, entspricht. Wenn sich die Printmedien einmal umschauen, so finden sie Organisationsstrukturen im Internet die sich leicht auf den Printbereich übertragen lassen. Wer sagt denn, dass die Clusterbildung oder die Cloudlösungen im Internet keine Analogielösung für die Printmedien darstellen können? Kann es nicht sein, dass die Cloudlösungen nicht von Bloggern und Print gemeinsam genutzt werden? Das Problem der Printmedien ist eine zeitliche Umsetzung. Sie haben sich den kurzen Innovationszyklen der heutigen Zeit nicht anpassen mögen.
Ich mag nicht daran denken, wenn die Printmedien verschwinden. Nein, ich würde sie sogar wieder erfinden und wenn ich die alte Druckerpresse wieder aus dem Keller holen müsste.

Auch ich benutze Apps,  Ipod, Twitter, Facebook und Push-Medien. aber sie können bei weitem nicht die gute alte Zeitung ersetzen. Sie liefern mir nur die notwendigen eingefärbten Snippets – mehr nicht, und man muss mit ihnen umgehen können. Die neuen Internet Medien und die Printmedien gehören zusammen, wir sitzen alle in einem Boot. Nur wir rudern in verschiedene Richtungen und das kann es doch nicht sein.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Ennepetal

Das macht einen doch ein bisschen stolz

[jpg] Der internationale renommierte Pulitzerpreis bekam eine Bloggerin, nämlich die US amerikanische Journalistin Shari Fink für ihren Bericht  im Zusammenhang mit den Zuständen die Hurrikan Katrina in Krankenhäusern hervorbrachte. Dieser Bericht war ein Paradebeispiel für den längst aus Kostengründen vergessenen investigativen Journalismus. Das machte schon stolz, stolz zu dieser Gruppe zu gehören und Ansporn es der Preisträgerin gleich zu machen.

Und jetzt? Blogger auf dem Vormarsch?

Da zeichnet das europäische Parlament James Clive-Matthews  aus Großbritannien mit dem Preis in der Kategorie Internet für seinen Blogbeitrag "EUtopia –  welcher Prozentsatz der Gesetze stammt von der EU?"  In der Begründung der Jury hieß es, der Autor habe "hervorragende Recherchearbeit" geleistet, und der Beitrag sei sehr "verständlich, überzeugend und humorvoll" sowie "informativ und interessant". Der Journalist, der einer der "wenigen Blogger sei, die sich ernsthaft mit der EU befassen", habe sehr ernsthafte statistische und vergleichende Arbeit geleistet, aber gleichzeitig könne sein Artikel "mit großem Vergnügen" gelesen werden. Parlamentspräsident Jerzy Buzek betonte: Das Parlement will damit kritischen und unabhängigen Journalismus der sich mit der EU befasst dementsprechend würdigen. James Clive-Matthews fiel mit seinem Nosemonkey Blog damit auf, indem er immer wieder Fragen nach dem Sinn oder Unsinn von politischen Entscheidungen der EU stellte. So fragte er nach dem Sinn eines Verbotes der 12er Eier Verkaufspackungen durch die EU. Seinen Blog hat er deshalb angefangen, weil Mother BBC die Nachrichten über die EU in der Regel unter Sonstiges liefen lies – heißt es wurde nicht berichtet.

Wir wollen aber nicht überheblich sein oder werden; denn auch die anderen Medien wurden ausgezeichnet:

Witold Szabłowski von der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza (Polen)

Kajsa Norell und Nuri Kino von Sveriges Radio Ekot (Schweden)

Zsolt Németh von MTV (Ungarn)

In Deutschland zeichnet das Grimme Institut analog dementsprechend  aus.

Die junge Redaktion von EN-Mosaik sieht diese Auszeichnungen als Ansporn jeden Tag besser zu werden, sich immer wieder selber in Frage zu stellen,  so wie sie es mit ihren Artikeln gegenüber den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft auch macht. Unsere demokratischen Freiheiten sind keine Selbstverständlichkeiten, sie müssen, wenn sie Bestand haben sollen, immer wieder neu erkämpft werden. Aktuell hat uns Stuttgart 21 gezeigt, wie schnell die Regeln der Demokratie ausgehebelt werden können und damit der Beliebigkeit preisgegeben werden. In den USA wird die Presse als die vierte Macht im Staate, zu recht oder unrecht, gehandelt. Eine Macht die sich zu aller erst als Macht versteht um unsere Demokratie zu verteidigen – nicht mehr und nicht weniger. Demokratie funktioniert nur von unten, also von der  lokalen Ebene, nach oben zur nationalen oder übernationalen Ebene. Wenn der kleine Mann in seiner Stadt nicht versteht, wonach die Entscheidungen der Politik, auf welcher Ebene auch immer, ausgerichtet sind, so ist die Demokratie in Gefahr. Und wenn dieser kleine Mann sich als Spielball der Großen sieht indem seine Einflussmöglichkeiten gering oder nicht mehr vorhanden sind, so wird er das System Demokratie nicht mehr tragen wollen. Shari Fink und James Clive-Mathews haben ihre Arbeiten danach ausgerichtet, die Fragen zu stellen die unbedingt gestellt werden mussten.

Es gilt: Die vorderste Verteidigungslinie der Demokratie befindet sich auf der lokalen Ebene, In New Orleans, London, Düsseldorf aber auch in Ennepetal.

 

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik

 

Fotos:©European Parliament/Pietro Naj-Oleari