Alajacquard – ein Rückblick

[la] Immer wieder hat RUHR2010 im  Kulturhauptstadtjahr bewiesen, wie vortrefflich sie Netze knüpfen und Fäden spinnen können und so war es nicht verwunderlich, dass die "Beinahe-Kulturhauptstadt" Görlitz  in ein Gemeinschaftsprojekt eingebunden wurde, das hier vor Ort zu großer Beachtung gefunden hat.

Nach den anfänglich im Mai 2010 in Görlitz vieler Orts stattgefundenen Ausstellungen (s. auch die Seite http://www.alajacquard.com/] fand das  einzige Gemeinschaftsprojekt statt, das im Rahmen von RUHR.2010 zwei  traditionsreichen Textilindustriegebiete an Neiße und Ruhr verbindet. Diese Verbindung wurde ebenso im Bereich der Kunst durch polnische, tschechische und deutsche Kooperationspartner dokumentiert und so war die im Industriemuseum Ennepetal auf Initiative des Kreisheimatbundes Ennepe-Ruhr präsentierte Kunstausstellung unter der Projektleitung von Frau Ulrike Brux und dem Künstler Professor Bernhard Matthes, der die einzelnen Projekte aus Görlitz hier im Industriemuseum zu einem komprímierten Gesamtbild zusammenführte, für Ennepetal und den Ennepe-Ruhr-Kreis ein besonderes Highlight im Kulturhauptstadtjahr 2010. (Wir berichteten).

Ein ganz besonders  beeindruckendes Erlebnis während der Vernissage war die Inszenierung des Balletts von Xin Peng Wang, der das Thema feinfühlig und präzise aufbereitet hatte, so dass der ausdrucksstarke Tanz der Tänzerinnen Monica Fotescu-Uta ( Primaballerina) und Risa Tateishi mit der absolut identische musikalische Untermalung von Webstuhlgeräuschen den Besucher stark an das Thema heranführte.

Diese Bilder haben mich sehr angesprochen und so habe ich (in Ermangelung einer Videokamera) aus den von mir erstellten Momentaufnahmen eine kleine Präsentation als Slideshow angefertigt.

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Wir von EN-Mosaik haben Xin Peng Wang im Kulturhauptstadtjahr schon einige Male mit seiner Compagnie erleben können und freuen uns, dass dieser großartige Künstler hautnah von uns in Dortmund seine Wirkungsstätte hat, so dass wir auch in Folgejahren die Möglichkeit haben seine Inszenierungen zu erleben.


Ein weiterer Teil des Alajacquard-Projektes in Ennepetal war am 2.10.2010 die Lesung im Industriemuseum

„Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne.“ (H. Heine) Musik und Literatur aus der Zeit der Weberaufstände.

   
 Dr. Hartmut Krüpe-Silbersiepe (Lesung) 
Foto: © Linde Arndt
   Knut Hansen (Klavier)
Foto: © Linde Arndt
 

 Im spärlichen Licht, dass sich mühsam durch die mit bunten gewebten Stoffen verhängten Fabrikfenster  einen Weg bahnte, saß bei gemütlichen  Kerzenlicht Dr. Hartmut Krüpe-Silbersiepe und las Texte aus der Zeit der Weberaufstände insbesondere aus den Oberschlesischen  Regionen. Obwohl mit diesen Texten in Zusammenhang mit der Kunstausstellung eine Verbindung zu den neuen computergesteuerten Webstühlen geschaffen wurde, verhielt es sich während dieser Zeit jedoch so, dass es sich hierbei eher um Hungeraufstände handelte, die die Menschen auf Grund des nicht mehr gesicherten Grundeinkommens (Trotz der mitarbeitenden Familienangehörigen) die Grundbedürfnisse, wie essen und trinken, nicht mehr befriedigen konnten. Nach Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit, waren 30 Silberstücke die absolute Armutsgrenze, der Verdienst eines damaligen Webers in diesem Gebiet betrug jedoch nur 3 Silberstücke. Eine sehr große Deckungslücke.
Und irgendwie hat die damalige Situation leichte Parallellen zu unserer heutigen Situation, wo ebenso die Armut immer größere Kreise zieht und Unmut in der Bevölkerung geschaffen wird.

Der erst 18 Jahre alte Pianist Knut Hansen (bereits Preisträger mehrerer Bundeswettbewerbe) hat  die Texte mit Kompositionen von Bach, Beethoven, Chopin und Szenen aus den Kinderliedern von Schumann untermalt.

Als die Not und Kälte die einem aus den Texten entgegen schlug  allmählich den gespannten Zuhörer ergriff, merkte man auf einmal spürbar, dass es ebenso der überdimensional große Raum der Ausstellungshalle war, der an diesem sehr frischen Tag ohne Sonnenlicht die Kälte des alten Gemäuers wieder spiegelte. So muckelten sich alle Zuhörer warm ein, der Klavierspieler wärmte während der Pausen seine sensiblen Hände mit Handschuhen, und so verstärkte gerade diese Situation noch die Dramatik der Geschichte.

Schade nur, dass so wenig Besucher diesen interessanten Vortrag besucht hatten. Es ist halt schwierig die Kunst in Ennepetal zu etablieren, wenn zum gleichen Zeitpunkt an andere Stelle eine Art Oktoberfest stattfindet.

Herr Professor Matthes hatte beim Pressegespräch vor der Vernissage mit Bürgermeister Wiggenhagen ein Gespräch und verdeutlicht, dass es für Ennepetal schon wichtig sein könnte – nachdem endlich Räumlichkeiten vorhanden sind – hier eine Ausstellungs- und Begegnungsstätte für zeitgenössische Kunst zu etablieren.

Vielleicht hat Herr Matthes ja den langen Atem der notwendig sein wird, hier wirklich etwas Nachhaltiges auf die Beine zu stellen. Und vielleicht findet man ja auch noch eine Lösung, die Räumlichkeiten im Winter zu beheizen. Für einen schnellen Rundgang durch eine Ausstellung würde es zwar reichen, aber in Ruhe verweilen wäre in diesem Fall nicht so glücklich.

Ich wünsche mir auf jeden Fall für Ennepetal noch viele gute Ausstellungen dieser Art wie Alajacquard und denke, dass ich damit nicht alleine stehe.

 

Linde Arndt für EN-Mosaik

[alle Fotos © Linde Arndt]


Jede Vision braucht Menschen, die an sie glauben.
Die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 dankt ihren Hauptsponsoren:
Deutsche Bahn AG, E.ON Ruhrgas AG, HANIEL, RWE AG, Sparkassen-Finanzgruppe

 

 

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