Zurück in die Zukunft – Starke Orte

[jpg] Sirenen heulen, Scheinwerfer huschen durch den Nachthimmel. Es ist spät abends, dunkel,  ein unerträglicher Lärm, da öffnet sich eine Haustür zwei Menschen gehen eilig auf einen riesigen Quader zu und verschwinden darin. Eine Frau mit zwei Kindern an der Hand, mit verschlafenen Gesichtern, ungekämmt, huschen über die Straße um in diesen Quader zu gelangen. Innen drin ist es kalt, immer, ob Sommer oder Winter. Keine Fenster, an den Wänden sind Belüftungsöffnungen.

Die Menschen sitzen, kauern, stehen, alle mit sorgenvollen Mienen. Angst kriecht durch die kalten Räume. Kein Wort, wenn dann nur ein Flüstern. Irgendwo schreit ein Kleinkind, wovon kaum einer Notiz nimmt. Kinder drücken sich an ihre Mütter, die Väter sind nicht da. Es ist Krieg. Alte Leute sitzen apathisch herum, wirken wie abwesend. Schwere dicke Wände bieten Schutz, Stahlbeton der schon eine Bombe aushält. Draußen hört man die Schläge der explodierenden Bomben, die Erde und mit ihr der Quader bebt. Sorgen finden sich in den Köpfen, wird mein Haus noch stehen?

Es ist vorbei, die Sirenen signalisieren das Ende des Bombenangriffs.  Schwere luftdicht schließende Stahltüren werden geöffnet, die Menschen gehen langsam wieder raus, so als wenn sie von einer sehr schweren Arbeit gekommen wären. Müde und erschöpft. Lautlos gehen sie nach Hause, nach einem Haus welches es evtl. nicht mehr gibt weil eine Bombe eingeschlagen ist. Manchmal hört man ein Kind leise und unterdrückt weinen, mehr ein Wimmern.

Auf dem Platz stehen riesige Flugabwehrkanonen mit mehreren Scheinwerfer die Licht wie Finger in den Himmel geworfen haben.  Es ist vorbei.  Eine Mutter geht auf einen Jungen der Kanoniere zu, nimmt ihn in den Arm, weint, der Junge tröstet seine Mutter, 15 Jahre ist er alt. Er muss hart sein, er der noch getröstet werden sollte, tröstet selber. Die Mutter löst sich von ihrem Sohn, flüchtig streifen sich nochmals ihre Hände  ehe sie sich trennen. Man weiß nie ob es nicht das letzte Mal ist, wo man sich berühren kann, den Menschen, den man doch so lieb hat. Man erduldet, erleidet, hält zusammen, trotzig voller Ängste. Jeder weiß, nur zusammen ist alles erträglicher.

Der 8. Mai 1945 –  der Krieg ist zu Ende. Herne – Sodingen blieb weitgehend verschont. Der Quader/Bunker wurde geschlossen. Nicht lange, es kamen die Flüchtlinge aus dem Osten – Tausende. Wohnungen waren zerstört, unbewohnbar die Trümmer in Wanne und Herne.  Der Quader  wurde wieder geöffnet, nun barg er die, die nichts mehr hatten. Wieder Angst,  Angst wie es weiter gehen würde. Bedrückend die Stimmung der Bewohner, kalt die Räume – immer noch. Mit dem Leben davon gekommen, doch um das Leben kämpfend. Langsam leerte sich der Bunker, es wurde gebaut, sehr viel gebaut. Arbeit gab es wieder. Der letzte verließ den Bunker. Nun stand er da über Jahre, ein Quader, Klotz, bedrohlich, grau und hässlich zu nichts mehr nutze. Das THW und das Rote Kreuz nutzten ihn als Lagerräume über drei Etagen, über Jahre.

Abreißen war nicht möglich – zu teuer, diesen dicken unhandlichen Bunker zu entfernen. 50 Jahre stand er so da inzwischen zum Schandfleck ernannt. Er störte. Der Herner Künstlerbund (HKB) öffnete den Bunker 2009 machte ihn zu einem Ort der Kunst, Kunst an einem starken Ort. Ein Ort der einen Schutzraum für die Kunst darstellt. Die Stadt Herne beteiligte sich mit Sponsoren an der Umgestaltung und Sanierung der Räume. Der Bund überließ dem HKB sodann die Räume. Kulturhauptstadtjahr 2010, Ruhr 2010, Vorbereitungszeit – 2006 erhielt Essen den Zuschlag. Es war 2007 der Herner Künstlerbund tat sich mit dem Bochumer Künstlerbund zusammen, es entstand die Idee der starken Orte. Orte die ähnlich wie der Bunker in Herne – Sodingen eine Geschichte haben, eine Geschichte die stellvertretend für das Ruhrgebiet und deren Menschen stehen kann. Der besondere Menschenschlag, kein Rheinländer und kein Westfale, aber ein besonderer Typ.

Dieser Typ, der einen trockenen Humor hat, der sich mit wenig zufrieden gibt, unverfälscht und seines gleichen sucht. Ein Gebiet in dem 170 Nationalitäten verschmelzen und etwas Neues erschaffen, wo gibt es das schon. Ein Gebiet in welchem die meisten Bomben im zweiten Weltkrieg geworfen wurden, die Engländer ganze Fabrikanlagen demontierten. Die Franzosen ihre Hand drüber hatten. Die Schmiede, die Werkbank Deutschlands, dieser Moloch. Dieses Gebiet prägte und prägt noch heute.

            
   vlnr. Reiner Glebsattel, Klaus Nixdorf, Professor Karl-Heinz Petzinka                             Foto:Linde Arndt  

Reiner Glebsattel vom Herner Künstlerbund und Klaus Nixdorf vom Bochumer Künstlerbund initiierten die Idee und gewannen die Ruhr2010 für sich und es war Professor Karl-Heinz Petzinka, der mit den Beiden diese Idee weiterspann. Alle 53 Orte der Kulturhauptstadt wurden angeschrieben, auch Ennepetal, sich mit geschichtsträchtigen Gebäuden, Objekten, Brachen  die unentdeckt ihren Dornröschenschlaf verrichteten für sich zu vereinnahmen.

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/* Ennepetal hätte das Gebäude von Stockey und Schmitz gehabt, indem schon einmal eine Kunstausstellung "Zwischen den Säulen" stattgefunden hatte. Das Gebäude der Kruse Fabrik oder die Firma Bauer steht auch still. Es hätte eine temporäre Kooperation mit den Künstlern in den Nachbarstätten Schwelm und Gevelsberg angestrebt werden können. "Kunst zwischen den Säulen" wäre hierbei ein sehr schöner Arbeitstitel gewesen. Vertan. Trotz mehrfacher Schreiben keine Reaktion. Trotz allem war auch Ennepetal im Verteiler dieser Aktion, so dass die Informationen hier angekommen sein mussten. Kein Interesse, wir haben so was nicht nötig. */
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Die Einladung an alle Künstlerbünde und Ruhr2010 wurde heraus gegeben und es fanden regelmäßige Treffen in Essen statt. Listen wurden erstellt, damit alle immer auf dem neusten Stand waren. Emails wurden ausgetauscht und eine Domain wurde angemeldet. Heraus kamen 800 Künstler, die an 13 Orten ausstellen werden, in Herne – Sodingen stellen 128 Künstler auf 900 qm über zwei Etagen aus 12 Künstlerverbänden aus. Zeitgenössische Kunst, Installationen, Fotografie, Malerei, Lichtobjekte und, und, und.

Es war kalt als wir die Räume mit unseren Pressekollegen betraten, wir spürten alle das Bedrückende . Über 60 Jahre ist es her, als der Bunker noch seiner Bestimmung entsprach. Doch alle waren unaufgeregt, ruhig und gefasst, als wenn der Geist der Bombennächte noch nicht gewichen wäre. Die Gespräche alle ruhig und unterkühlt, die Räume wirkten nach. Wir sahen das Provisorium der Toilettenanlagen, die schweren Stahltüren oder die dicken Betonwände. Die Räume eingeteilt wie unterschiedliche Intimbereiche eines Gebäudes, tatsächlich ehedem zugeordnete Funktionen oder Zellen, die zur Stabilisation des Gebäudes dienten. Der Pressetermin fand in einem Raum statt der im Ansatz wohnlich gestaltet wurde, Wärme sollte hier die kalten Räume überwinden, was auch in etwa gelang.

Dann die Exponate, teils spärlich beleuchtet der Stimmung angepasst. Es waren Exponate die Geschichten erzählten, die einem anfassten nicht losließen und bannten. Dort die Herzpumpe, die Migrationströme aus Afrika, "Welcome to Europa" schutzsuchend in Europa. Polizei mit Hunden die die Migranten aufspüren soltlen, hier im Bunker der doch schützen soll. Voodoofiguren die die Gefahr bannen sollen, die sich schützend in den Weg stellten.

Schreie auf Bildern, Schreie die die Ängste vertreiben. Dazwischen ein Bild, "Starke Frauen, starker Ort". Ein Versprechen? Dann eine Steelengruppe, irgendwie verspielt und funktional angeordnet mit einem beschwingten Touch. Was immer wieder auffiel die Stille die diese Räume bergen, Gespräche empfindet man eher wie ein Flüstern.  Kaum ein Lächeln, ernste Gesichter ähnlich wie in einem sakralen Bau. Ja, es ist ein starker Ort in dem man in einen Dialog mit den ehemaligen Benutzern auf einer emotionalen Ebene eintreten kann.

Leise entschwanden die einzelnen Pressevertreter, kein Rennen, keine Eile nur ruhiger Abschied. Die schweren Stahltüren wurden geschlossen, nicht für immer, sie werden zu den Öffnungszeiten für die Besucher geöffnet sein.

Info:
Luftschutzbunker Herne-Sodingen,
Mont-Cenis-Straße 295,
44627 Herne
Öffnungszeiten: Donnerstag 15-18,
                             Samstag -Sonntag  11-17 Uhr
Die Ausstellung ist bis zum 4.4.2010 geöffnet.


Die starken Orte im einzelnen:

  Bottrop
HeiligKreuz-Kirche, Scharnhölzstraße 37 , 46236 Bottrop Malakoffturm, Zeche Prosper II, Knappenstraße, 46238 Bottrop Öffnungszeiten: Fr 17-20, Sa 15-20, So 11-17 Uhr Laufzeit: 10.4. – 30.4.2010 Eröffnung: Sa, 10.4., 17.00 Uhr (HeiligKreuz-Kirche) und 19.00 Uhr (Malakoffturm)
   

Dortmund
(Phoenixhalle) Phoenixhalle Dortmund, Hochofenstraße, 44263 Dortmund Öffnungszeiten: Do-Sa 14-20, So 11-20 Uhr Laufzeit: 11.4. – 9.5.2010 Eröffnung: So, 11.4., 11 Uhr

 

 

   

Essen
Scheidt’sche Hallen, Bachstraße 40, 45219 Essen-Kettwig
Öffnungszeiten: Di, Do-Sa 14-18 Uhr Laufzeit: 23.4. – 30.5. 2010 Eröffnung: Fr, 23.4., 18 Uhr, anschließend Künstlerfest

 

   

Duisburg
Landschaftspark Duisburg Nord, Emscherstraße 71, 47137 Duisburg Öffnungszeiten: durchgehend Laufzeit: 30.4. – 19.9.2010 Eröffnung: Sa, 30.4., 18.30 Uhr

 

    Bochum
Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum, 44793 Bochum Öffnungszeiten: Do-So 15-20 Uhr Laufzeit: 2.5.-30.5.2010, Eröffnung: So, 2.5., 17.00 Uhr
    Dortmund (Mengede)
Historisches Amtshaus Dortmund-Mengede, Am Amtshaus 1, 44359 Dortmund Öffnungszeiten: Mo-Fr 10-16 Uhr Laufzeit: 14.5.-6.6.2010 Eröffnung: Fr. 14.5., 16 Uhr
    Dortmund (Westfalenhütte)
Atelierhaus Westfalenhütte, Springorumstraße 11, 44145 Dortmund (auf dem Werkgelände Thyssen Krupp – Westfalenhütte) Öffnungszeiten Atelierhaus: Mi 17-21, So 11-13 Uhr u.n.V., Mauerprojekt ganztägig Laufzeit Atelierhaus: 30.5. – 3.7.2010, Mauerprojekt: 21.3. – Dezember 2010 Eröffnung: So, 21.3., 11 Uhr (Mauerprojekt), So, 30.5., 11 Uhr (Atelierhaus)
   

 

Gelsenkirchen Solarbunker
(Ehemaliger Erz- und Kohlebunker), Wildenbruchstraße/ Ecke Hohenzollernstraße, 45886 Gelsenkirchen Öffnungszeiten: durchgehend Laufzeit: 19.6. – 28.11.2010 Eröffnung: Sa, 19.6., 12 Uhr

 

 

    Witten
Ehemalige Ausbildungsstätte im Weichenwerk Witten, Kronenstraße, 58452 Witten Öffnungszeiten: Fr 14-18, Sa, 14-20, So 11-20 Uhr Laufzeit: 15.8. – 30.9.2010 Eröffnung: So, 15.8., 11 Uhr
    Unna
Landesstelle Unna-Massen, Wellersbergplatz 1, 59427 Unna Öffnungszeiten: Mi 15-18, Sa 11-18 Uhr Laufzeit: 21.8. – 11.9.2010 Eröffnung: Sa, 21.8., 15 Uhr
    Lünen
Lippeauen, Konrad-Adenauer-Straße, 44534 Lünen Öffnungszeiten: ganztägig Laufzeit: 6.-12.9. Finissage: So 12.9., ab 11 Uhr

 Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer 

Alle Orte haben eine eigene starke Geschichte, eine Geschichte deren Geist noch erfühlbar ist wenn man sich hierauf einlässt. Die Exponate verstärken die Feinstofflichkeit der Geschichten, treten jedoch in den Hintergrund nachdem sie dies dem Besucher erzählt haben. Es ist eindeutig das Ruhrgebiet eine starke Region im Wandel, die ihre Kraft auch mit ihrer Vergangenheit in die Lage versetzt den Wandel zu meistern.

Was bleibt? Man merkt schon, Ennepetal ist kaum oder gar nicht vernetzt, ja sogar irgendwie isoliert. Spricht man die Stadt auf dieses Phänomen an, so bekommt man folgende Antwort: Wir haben uns mal umgehört ob die anderen 53 Städte etwas vom Kulturhauptstadtjahr gehabt hätten. Alle Befragten haben jedoch noch keinen Vorteil übermitteln können. Warum also hätten wir hier richtig einsteigen sollen? Eine fatale Einstellung und Aussage, die an Ignoranz nicht zu übertreffen ist. Als wenn ein Besucher sich bei der Stadt anmeldet mit: He, ich besuche sie auf Grund der Ruhr2010. Wenn man die Ruhr2010 als Marketingprojekt begreift, so muss man den unschätzbaren Imagegewinn erfassen, der für eine teilnehmende Stadt entsteht.

Dieser Imagegewinn tritt erst als Wert zutage wenn z.B. eine Investitionsentscheidung getroffen wird, dann wird nämlich diese Stadt einen assoziativen Wert darstellen. Abgesehen vom Gewinn der durch die Vernetzung entsteht. Die nicht teilnehmenden Städte bleiben eben nur im Schatten, sie sieht man nicht. Was wäre es für ein Problem gewesen in den Räumen von Stockey und Schmitz eine Ausstellung dieser Art aufzuziehen? Keines. Denn die Künstler sind ja schon da. Was fehlt? Immer wieder die Initialzündung. "Jede Vision braucht Menschen, die an sie glauben." Nur wenn man keine Visionen sieht, weil man blind ist?  Tja, so ist es, auf der "Insel der Glückseligen" halt, man möchte für sich alleine sein. Was soll man schon mit anderen anfangen?

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Herne-Sodingen

Hier noch einige Fotos, aufgenommen vor Ort von Linde Arndt:

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