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Die Ruhrfestspiele im 70. Jahr – eine Bilanz

Presseabschlusskonferenz Ruhrfestspiele 2016 Foto: (c) Linde Arndt

Presseabschlusskonferenz Ruhrfestspiele 2016 Foto: (c) Linde Arndt

 

[jpg] Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen haben ihren festen Platz der großen europäischen Festspiele. Das Edinburgh international Festival, das Festival d’Avignon steht in einer Reihe mit dem Ruhrfestival Recklinghausen. Zum 70. Jubiläumjahr kamen die ehemaligen Intendanten mit eigenen Produktionen. Hansgünther Heyme, inszenierte „Am Rand“ von Sedef Ecer oder Frank Castorf inszenierte „Die Kabale der Scheinheiligen, das Leben des Herrn Molière“ von Michael Bulgakow was sehr gut ankam.

Intendant Dr.Frank Hoffmann bewies ein feines und sensibles Händchen in der Auswahl der Stücke in einem Jahr in dem das Mittelmeer (Mare Nostrum) zum namenlosen Massengrab tausender Kriegsflüchtlinge wurde. Der Wahnsinn des Krieges über ehemals friedliche Länder kam, wo Menschen mit ihrer Hände Arbeit sich und ihre Familie nicht mehr ernähren können.

„ Was ist das für ein Gott, der für sich muss kämpfen lassen?“ Ein Satz aus Nathan der Weise, ein Meisterwerk von Lessing. In der heutigen Zeit einen interkulturellen Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum mit Vernunft auf der Basis unserer humanen Werte zu fordern, scheint nur wie ein Märchen in der augenblicklichen Zeit. Trotzdem, Andreas Kriegenburg inszenierte mit dem Deutschen Theater Berlin ein Stück welches voller Humor und verspielt die heutigen Konflikte spiegelte.

Oder die „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, Regie: Karin Beier, Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Edgar Selge las etwa 2 Stunden dieses Meisterwerk, was bei Herausgabe einen gesellschaftlichen  Aufschrei nach sich zog. Aber sind es nicht die Angstphantasien, die die westlichen Gesellschaften vielfach in Schockstarre versetzen?

Die Inszenierung von Christian Stückl (endlich wieder) mit dem Burgtheater Wien, Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ Ein Diener der nicht genug verdient um sich zu ernähren muss sich einen zweiten Job suchen. Na klingelts?

Dr. Frank Hoffmann inszenierte nach Calderon und Paolini „Das Leben ein Traum“.  Aktuell werden wahnhafte Wachstumsfantasien wieder gegeben, allerdings mit der vordergründig vermeintlichen progressiven Verbesserung der Gesellschaft.  Dr. Frank Hoffmann lässt die Träumenden neu erzählen indem er sie zu einem Dialog zwischen Calderon und Pasolini entführt.

Dr. Frank Hofmann, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen Foto: (c) Linde Arndt

Dr. Frank Hofmann, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen Foto: (c) Linde Arndt

Frank Hoffman hat die Ruhrfestspiele ´16 in die heutige Zeit fest und donnernd in den Boden gerammt, er hat der Kunst damit Mut gemacht, Kunst als gesellschaftliches Spiegelbild zu zeigen, manchmal codiert und manchmal ganz offen und revolutionär. Die Festivalkunst in Recklinghausen ehrt das deutsche Festival in Recklinghausen als einzigartig und kann sich stolz neben den großen Festivals in Edinburgh, Schottland oder d’Avignon, Frankreich sehen lassen. Einmal mehr zeigen die Ruhrfestspiele in Recklinghausen den Gedanken des Festspiels für alle und nicht wie in Bayreuth für eine elitäre Schicht, die der Kunst am liebsten den Atem nehmen würden.

Die Ruhrfestspiele haben aber bewiesen und beweisen es Jahr für Jahr, dass anspruchsvolle Inszenierungen, ich denke an Elfriede Jellineks „Schutzbefohlenen“ von Aischylos, ein breites Publikum erreichten. Das Schauspiel Leipzig provoziert den notwendigen gesellschaftlichen Wertediskurs, der die europäische Schande darstellt, die sich durch das vergiftete Klima in Europa im Kontext der Kriegsflüchtlingskrise zeigt.

Eines zeigt sich auch ganz deutlich durch das aktuelle und vielseitige Programm, es ist ein Hunger nach Sprache, nach dem Wort welches klar und deutlich benennt und nicht verbirgt. Das Leben kann so vieles sein. Die Ruhrfestspiele vertreiben mit roher Gewalt, und das ist gut so, dieses ewige einschläfernde Schwarz/Weiß Denken welches der Gesellschaft vorgegeben wird. Nicht einschläfernd oder gleichmachen wollen die Ruhrfestspiele sein, sondern ermunternd, ermutigend, bunt und vielfältig und manchmal laut.

Dr. Frank Hoffmann Foto:(c) Linde Arndt

Dr. Frank Hoffmann Foto:(c) Linde Arndt

“Wir hatten viele Erwachsende die mit ihren Kindern ins Theater kamen”, so Dr. Frank Hoffmann freudig. “Und noch etwas Statistik: 80.610 Besucher haben wir in diesem Jahr gezählt und damit sind wir wieder über die 80 tausender Marke gesprungen.” Eine Auslastung von über 80% konnte Dr. Frank Hoffmann bilanzieren. Einen zufriedeneren Intendanten findet man zur Zeit in deutschen Landen wohl kaum.

Und noch etwas fiel aus dem Rahmen. Die Urauführung von Tankred Dorsts „Blau in der Wand“, ein Alterswerk; es handelt vom Zerfall des menschlichen Lebens im Alter, wobei der Tod in unsere Vorstellungen einzieht. Dem Stück wurde herzlichster Applaus zugedacht und dem, immerhin, schon über 90 Jahre alten Tankred Dorst half Intendant Dr. Frank Hoffmann auf die Bühne damit er seinen Applaus entgegennehmen konnte. Das möchte ich extra würdigen in einer Zeit wo solche Gesten unter Kosteneinsparungen gestrichen werden – bravo.

Bleibt eine Frage die uns Dr. Frank Hoffmann noch beantwortete: Warum solche Festspiele, warum reicht das ganz normale Stadttheater nicht aus? Die Festspiele geben die Impulse, die die Stadttheater benötigen um in neuen künstlerischen Räumen ihre Inszenierungen umzusetzen.

Festspiele sind nicht der Alltag oder die Einfalt, Festspiele sind die hohen Feiertage der Kultur und Kunst und zeigen die Vielfalt und Kreativität der Kultur und damit der Kunst.

 

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Recklinghausen

Theater der Jungen Welt Leipzig bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Foto: (c*)Theater der Jungen Welt Leipzig

Foto: (c*)Theater der Jungen Welt Leipzig

[Recklinghausen]  Das Theater der Jungen Welt aus Leipzig ist zu den diesjährigen Ruhrfestspielen Recklinghausen mit gleich drei Produktionen eingeladen, darunter auch eine Produktion für die allerjüngsten Zuschauer ab zwei Jahre. Dabei feiern Ruhrfestspiele und TdJW einen Doppelgeburtstag, beide werden 70 Jahre alt – die Pforten des ältesten Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland öffneten im November 1946.

Das Theater der Jungen Welt mit seinem Intendanten Jürgen Zielinski zählt zu einem der renommiertesten Kinder- und Jugendtheater der Republik. Auszeichnungen und Nominierungen belegen dies eindrücklich. Im letzten Jahr wurde die Inszenierung »GINPUIN. AUF DER SUCHE NACH DEM GROSSEN GLÜCK« für den Theaterpreis Faust in der Kategorie »Regie im Kinder- und Jugendtheater« nominiert und das Theater mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet. Die Jury lobte vor allem das starke Ensemble, und dass der Spielplan mit seinen verschiedenen Regiehandschriften junge Zuschauer und Erwachsene gleichermaßen ästhetisch herausfordere, sich mit den Ambivalenzen der Welt auseinanderzusetzen.

2002 hat der gebürtige Dortmunder Jürgen Zielinski nach Stationen unter anderem in Tübingen und Hamburg das Haus in Leipzig als Intendant übernommen. Er ist nicht nur künstlerischer Leiter, sondern auch als Regisseur tätig. Seine »GINPUIN«-Produktion wird auch in Recklinghausen zu sehen sein. 14 Ensemblemitglieder in einer Schauspiel- und einer Puppentheatersparte machen das TdJW mit über 700 Vorstellungen pro Jahr zum meistspielenden Kulturbetrieb Leipzigs.

Hinzu kommt eine rege Gastspielaktivität im gesamten deutschsprachigen Raum, die 2012 mit dem INTHEGA-Preis für Kinder- und Jugendtheater ausgezeichnet wurde. Auch auf Festivals ist das TdJW regelmäßig vertreten. In dieser Spielzeit gab es Einladungen zum mitteldeutschen Festival Wildwechsel in Weimar, den Ruhrfestspielen und dem Szene Bunte Wähne Festival in Österreich. Hinzu kommen internationale Projekte mit Theatern in Israel wie aktuell »OUT OF THE BOX // PIONIER« und die Einladung zum Flow-Festival, das im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas 2016 in Breslau stattfindet. Dort wird das TdJW mit der szenischen Installation »MARMOLADA // HOME SWEET HOME« als einziges deutsches Theater mitwirken.

Ein weiteres wichtiges Standbein des TdJW ist seine Theaterpädagogik, die sich Junge Wildnis nennt und mit herausragenden Projekten Theater nicht als Schau- sondern vor allem Spielraum versteht. So entwickelten die Theaterpädagogen in dieser Spielzeit das interaktive Klassenzimmerspiel »BESSER ICH«, das sich mit dem Optimierungswahn auseinandersetzt und der Club Melo, das inklusive Theaterprojekt, fährt mittlerweile selbst auf Gastspiele.

Der 70. Geburtstag des Theaters wird als Jubiläumsspielzeit gefeiert mit zahlreichen besonderen Aktivitäten und einem Buch mit dem Titel »70 JAHRE ZUKUNFT«, das zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2017 erscheinen wird.

»Ich freue mich, dass wir in diesem Jahr so präsent sind auf den Ruhrfestspielen. Die Einladungen ermutigen uns den Weg qualitativen Mehrgenerationentheaters weiter fortzusetzen«, erklärt Jürgen Zielinski. »Gerade als gebürtiger Dortmunder ist es mir eine ganz besondere Ehre, an einem so renommierten Ort im Ruhrgebiet auftreten zu können und unsere Kunst zu zeigen.«

Auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2016 sind folgende Produktionen des Theater der Jungen Welt zu sehen

»FISCHE UND SÜSSER BREI« [2 plus]
Von Ines Müller-Braunschweig | Uraufführung
30 Min.
Regie. Ines Müller-Braunschweig | Komposition: Lutz Schlosser |
Kostümbild: Jule Dohrn van Rossum
Mit: Katja Bramm, Lutz Schlosser
10. Mai, 10 und 15 Uhr | 11. Mai, 10 und 15 Uhr

»KÖNIG DER KINDER: MACIUS!« [8 plus]
Von Katrin Lange | Nach Motiven des Romans »König Macius I.« von Janusz Korczak | Auftragsarbeit für das Theater der Jungen Welt | Uraufführung
1 Stunde 35min
Regie: Kai Festersen | Bühnenbild: Fabian Gold | Kostüme: Katja Rosa Quinkler |
Dramaturgie: Jörn Kalbitz
Mit: Sonia Abril Romero, Katja Bramm, Katja Göhler, Hannes Hirche, Kevin Körber, Benjamin Vinnen, Anna-Lena Zühlke
17. Mai, 15 Uhr | 18. Mai, 10 Uhr

»GINPUIN. AUF DER SUCHE NACH DEM GROSSEN GLÜCK« [4 plus]
Von Winnie Karnofka | Frei nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Barbara van den Speulhof und Henrike Wilson | mit Live-Musik | Uraufführung
1 Stunde
Regie: Jürgen Zielinski | Komposition: Simon Bodensiek | Ausstattung: Jasna Bošnjak | Dramaturgie: Winnie Karnofka
Mit: Simon Bodensiek, Stephan Fiedler, Chris Lopatta, Reinhart Reimann, Anke Stoppa
19. Mai, 9:30 und 15 Uhr | 20. Mai, 9:30 und 11:30 Uhr

Bei der Preisverleihung des erstmals ausgeschriebenen Theaterpreises des Bundes der mit 80.000,– Euro dotiert ist, begründete die Jury  ihre  Entscheidung für das Theater der Jungen Welt  damit, dass das Theater nicht nur durch ungewöhnliche Stückentwicklungen, Gegenwartsdramatik und experimentellen Tanzprojekten überzeuge, sondern diese auch mit einem starken Ensemble und auf kontinuierlich hohem Niveau für die Bühne umsetze. Das Programm fordere sowohl junge Zuschauer als auch Erwachsene auf, sich mit eigenen widersprüchlichen Gefühlen und Handlungen sowie den Ambivalenzen der Welt auseinanderzusetzen. Hier bewahrheitet sich einmal wieder, gutes Theater für junge Zuschauer ist auch immer ein gutes Theater für Erwachsene, so Dr. Mildred Scheel, Ärztin, Gründerin der deutschen Krebshilfe.

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