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Ein beschwingter, heiterer Premierenabend im Theater Hagen

 

[jpg] Es deutete sich in der Pressekonferenz am 20.September im Theaterkaffee schon an, es sollte eine reizende und erfrischende Premiere werden. Mit Florian Ludwig (Musikalische Leitung), Ricardo Fernando (Choreographie und Inszenierung), Peer Palmowski (Kostüme und Bühnenbild) sowie Maria Hilchenbach (Dramaturgie) stellte sich ein Team vor, welches nicht besser für das Ballett Moliere sein konnte.

      
  v.l.n.r.: Maria Hilchenbach (Dramaturgie) / Peer Palmowski (Kostüme und Bühnenbild) / Florian Ludwig (Musikalische Leitung) /  Ricardo Fernando (Choreographie und Inszenierung)                                           Foto: © Linde Arndt  

Da der erste Teil der Aufführung, "Le disperazioni del Signor Pulcinella", von Hans Werner Henze war, wurde von dem Team eine gewisse Traurigkeit artikuliert, dass Henze zum Hagener Premierenabend am Freitag nicht kommen konnte, zumal dieses Stück dem Henze Projekt der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 gewidmet ist. Und wie es sich so ergab, trafen wir Hans Werner Henze zwei Tage später in Gladbeck, wo er seine neue Oper "Gisela! oder: die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks"  in einer Pressekonferenz vorstellte (Wir berichteten darüber). Es war nicht schwer Hans Werner Henze zu überzeugen, dass das Theater Hagen sich freuen würde, wenn er zumindest an der Hauptprobe teilnehmen könnte, zumal er seine Neufassung von 1995 noch nie selber gesehen hatte. Es wurden kurz Termine umgelegt und Henze kündigte sein Kommen in Hagen an. Wir fanden es ist immer wieder für jedes Haus ein Ansporn, eine Ehre und  Freude im Beisein des Komponisten dessen Aufmerksamkeit für das Werk zu haben. Dies wurde uns auch in der Premierenfeier von Generalmusikdirektor Ludwig und dem Choreographen Fernando bestätigt.

Um das Ballett "Moliere" weitergehend verstehen zu können, sollte man sich in die Zeit versetzen als es entstand, das 17. Jahrhundert. Die Person Moliere war in der französischen Gesellschaft eine total widersprüchliche Person. Auf der einen Seite hatte Moliere die "Gunst" Ludwig des XIV, einem absoluten Herrscher, auf der anderen Seite bekämpfte die Gesellschaft  Moliere mit allen Mitteln bis hin zum Rufmord. Da der König ihn schützte konnte Moliere sich am Hof des Königs halten. Was hatte Moliere getan? Nun, einesteils hatte er die französischen Theatertraditionen der "Farce" mit der italienischen Tradition der "Commedia dell’ Arte" vereinigt und andererseits hatten seine Stücke als Akteure den gemeinen Mann, den Bourgeois, also den Bauer, den Kaufmann usw.. In vielen seiner Stücke ist indirekt aber auch direkt dieser einfache Mann sogar der Held und der Adelige ist der Dumme. In der damaligen Zeit gab es schlicht und ergreifend kein Volk in der Geschichtsschreibung. Und überhaupt gab es in der Geschichtsschreibung Frankreich erst ab dem 17. Jahrhundert. Moliere war es zu verdanken das er Frankreich animierte sich seiner Geschichte zu besinnen und damit letztendlich zu einer eigenen Identität zu kommen.

Moliere war für mich ein Universalgenie, so reiste er mit dem berühmten Scaramouche durch Frankreich und erarbeitete seine Komödien und brachte sie zur Aufführung. Es blieb nicht aus, dass diese Theatertruppe auch in Paris auftrat, wo sie auch direkt Gesprächstoff in der Gesellschaft war. Es war nur ein kurzer Weg und Moliere war am Hof Ludwig des XIV. Dort kam er mit dem Italiener Giovanni Battista Lulli, der sich in Frankreich verständlicherweise Jean-Baptiste Lully nannte, zusammen. Fortan arbeiteten beide zusammen. So weit einige wenige Hintergrundinformationen.

Das Ballett Moliere das in Hagen zur Aufführung gebracht wird gliedert sich in zwei Teile.
Der erste Teil "Le disperazioni del Signor Pulcinella" (Die Verzweiflung des Herrn Pulcinella) ist der Henze Teil. Man muss die Musik Henzes, die im übrigen sehr wohl "hörfähig" ist, nicht verstehen, man muss sich nur auf die Handlung und die Musik einlassen und schon bekommt man eine spannende und anregende Handlung vorgesetzt, die man nicht mehr missen möchte. Also zurücklehnen, Augen und Ohren auf und auf sich einwirken lassen. Denn Henzes Musik begleitet und verstärkt die Erzählung.

Die Handlung:

Herr Pulcinella (Andre Baeta), ein einfacher aber reicher Mann, ist mit Smeraldine (Hayley Macri), aus der gehobenen Gesellschaft, verheiratet. Smeraldine betrügt ihn mit Salvatore Lupino einem Kavalier der ihrem Stand angemessener erscheint. Pulicinella merkt dies, zumal die Beiden ihre Betrügereien nicht gerade versteckt ausüben, und beschwert sich bei seinen Schwiegereltern Herrn Bellavista (Leszek Januszewski) und Frau Bellavista (Giulia Fabris). Smeraldine ist jedoch eine gewiefte Betrügerin und dreht den Spieß einfach um indem sie die Treue Pulcinellas in Frage stellt. Dies bewirkt nun, dass Pulcinella unglaubwürdig wird. Als Pulcinella Salvatore und Smeralda in Flagranti erwischt holt er seine Schwiegereltern um sie mit dem Beweis zu konfrontieren. Das Ergebnis ist für Pulcinella ernüchternd – er wird verhöhnt und ausgelacht. In seiner Verzweiflung sieht er nur einen Ausweg – den Freitod.  In einem anderen Leben findet er nun zu dem zurück, wonach er sich so sehnte, der einfachen und reinen Liebe.

     

André Baeta      
Fotos: Foto Kühle; Rechte theaterhagen

 

Hayley Macri, Marcelo Moraes  
Fotos: Foto Kühle; Rechte theaterhagen          

   

Baeta (Pulcinella) tanzt einen Leidenden der nicht nur überzeugt, man leidet förmlich mit und möchte am liebsten auf die Bühne springen um ihm zu Hilfe zu eilen. Rührend wie er sich um Smeraldine kümmert. Hayley Macri (Smeraldine) stellt dieses "Biest"  dar indem sie zwar Pulcinella nicht ganz abweist (denn sein Geld ist ihr ja gut) aber doch klar sich für Salavatore (Marcello Moraes)  entscheidet, der ihr mehr gesellschaftlichen Glanz verspricht. Marcelo Moraes als Salvatore könnte die Oberflächlichkeit der gehobenen Gesellschaft nicht besser darstellen. Ihm ist es egal ob Smeraldine verheiratet ist, er lebt nur dafür eine neue Eroberung gemacht zu haben. Liebe ja, aber doch nur bis zum Bett. Mit Leszek Januszewski (Herr Bellavista) und Giulia Fabris (Frau Bellavista) tanzen zwei Schwiegereltern die nur das Aufgesetzte lieben, es ist lachhaft was sie zu bieten haben, nämlich nur Äußerlichkeiten. Diese Gesellschaft die Pulicinella in den Tod treibt kann sich der Verachtung sicher sein. Tänzerisch wird durch kurze Schrittfolgen und Hebefiguren sowohl das Leid als auch in einer anderen Szene die Zerrissenheit sehr gut dargestellt. Die Konfliktsituationen werden in ihrer Dramatik sowohl tänzerisch als auch musikalisch exzellent umgesetzt. Hier zeigt sich die Stärke von Henzes Musik wenn sie gut umgesetzt wurde, das Publikum brennt darauf einzugreifen.


Der zweite Teil des Abends ( es ist eine Uraufführung)  gliedert sich in drei Teile und ein Rahmenteil:

Auf der Bühne steht ein riesengroßes Buch, welches aufgeschlagen, also erzählt, werden will.
Jean Baptiste Moliére (Marcello Moraes), Louis XIV (Vladimir Freitas) und Jean-Baptiste Lully erscheinen auf der Bühne und kommen überein die Erzählungen Moliéres zu inspizieren, die Musik ist hier von Richard Strauß.

Le Bourgeois gentilhomme (Der Bürger als Edelmann), Musik: Jean Baptiste Lully

                       
              Ensemble                                                                       Fotos: Foto Kühle; Rechte theaterhagen  

Jourdain (Leszek Januszewski) ein reicher einfacher Bürger will aufsteigen, sein Status ist ihm nicht gut genug. Er will sich die Regeln der Adligen aneignen. Dazu will er fechten, tanzen und  musizieren lernen. Keine geringeren als Louis XIV( Vladimir de Freitas) Lully (Shaw Colemann) und Moliére (Marcelo Moraes) wollen ihm das beibringen. Aber es klappt nicht, er ist ein wahrer Tollpatsch. Unbemerkt von seinen Bemühungen hat sich seine Tochter Lucile (Yoko Furihata) mit Cleante (Malthe Clemens) nicht nur befreundet, sondern sie wollen gar heiraten. Nur Jourdain und seine Frau (Noemi Martone) sind gegen diese Verbindung, weil diese für sie nicht standesgemäß ist. Cleante und sein Freund Dorante (Andre Baeta) überlisten jedoch Jourdain indem sie sich als Prinz und dessen Abgesandter ausgeben um Jourdain den Titel eines Paladins anzutragen und verlangen dafür Lucile als Frau. Jourdain fällt darauf herein und gibt die Hand seiner Tochter dem Prinzen. Die Liebenden haben sich gefunden. Die Moral von der Geschichte: Schuster bleib bei deinen Leisten.
              

Januszewski entwickelt einen Tollpatsch und einen Neureichen der nicht nur überzeugt, nein mit diesem komödiantischen Talent treibt er einem die Tränen vor lachen in die Augen. Er stolpert von einem Fettnäpfchen in das andere. So ist es nicht verwunderlich das Cleante ihn auch überlisten kann. Wunderbar und reizend erzählt.

               

Le Malade imaginaire (Der eingebildete Kranke) Musik: Darius Milhaud

      
   Ensemble                                                                       Fotos: Foto Kühle; Rechte theaterhagen  

Argan (Matthew Williams) ein Hypochonder hat nur seine Krankheiten im Sinne. Diese Krankheiten werden immer mehr, die Kosten für diese Krankheiten jedoch auch. So kommt Argan auf den Gedanken seine Tochter an einen Arzt zu verheiraten, was diese jedoch nicht will, sie liebt einen anderen. Argan soll sich tot stellen um in den nun folgenden Gesprächen herauszuhören, wer ihn wirklich liebt. Es stellt sich heraus, dass nur seine Tochter ihn wirklich liebt, als er als vermeintlich Toter die Gespräche mithört. Argan überlässt nun seiner geliebten Tochter die Wahl des Ehemanns.

Es ist schon eine Freude wie ein Matthew Williams (Argan) sich als eingebildeter Kranker mit seinem Krankenbett über die Bühne fahren lässt. Immer wieder tanzt er szenisch über die Bühne und hopst und plumpst zum Abschluss in sein Krankenbett, nicht ohne vorher das überdimensionale Thermometer in den Mund zu stecken. Mit großen Augen schaut er auf seine ihn versorgenden Krankenschwestern. Und diese Krankenschwestern haben es doch recht leicht mit ihm und seinen vermeintlichen Krankheiten. Ein bisschen abhören, ein bisschen antippen und schon ist eine neue Krankheit diagnostiziert.  Eine Phase der Genesung gönnen sie ihm allerdings nicht, schon wackeln sie wieder zu ihm hin. Die Szene könnte gut und gerne in einem Schönheitsinstitut, nein, es heißt ja heute einer plastischen Chirugie,spielen. Für diese Art von Kranken gibt es in der Regel kein Entkommen.

Dom Juan ou le Festin de pierre (Dom Juan (Spanisch Don Juan)) Musik: Christoph Willibald Ritter von Gluck 

       
     Carla Silva, Leszek Januszewski               



               Fotos: Foto Kühle; Rechte theaterhagen



 

Dom Juan (Leszek Januszewski) hat Elvire (Carla Silva) entführt und will sie heiraten um sie danach wieder fallen zu lassen. Dom Juan ist ein Mensch der keine Normen kennt und ewig Grenzüberschreitungen begeht. So ist es nicht verwunderlich das er keine Freunde hat, jedoch unzählige Feinde. In Elvire hat er jedoch zum ersten mal eine Frau die seinem drängenden Werben widerstehen könnte. Dieser Widerstand stachelt ihn jedoch nur an; denn ein Nein kennt ein Don Juan nicht. Letztendlich kommt es wie es kommen muss, die ehemals Herabgesetzten treten auf um über ihn zu richten.

In diesem Moment steht Jean Baptist Moliére auf und findet sich mit dem sich abzeichneten Ende der Geschichte nicht ab. Er bricht die Geschichte ab.

Leszek Januszewski und Carla Silva zeigen in ihrem  Pas de deux sehr anschaulich den Kampf um eine Moral und die guten Sitten. Das sich fordernde Nehmen und das sich wehren um und gegen die Moral. Zügelosigkeit auf der Seite von Juan der aber nur die  Ehrlosigkeit des anderen erbringt. Das Vereinen wollen und doch nicht können, drückt sich in vielen Figuren der Beiden aus. Eine sehr ausdrucksvolle Darbietung die nur durch das Eingreifen Moliéres beendet wird. Tja, Moliére konnte anscheinend nicht alles ertragen, wie man an seinem Lebenslauf auch sehen konnte.

Das große Buch wird geschlossen, die Geschichten sind erzählt. Vielleicht haben sie den Einen oder Anderen nachdenklich gemacht. Berührt haben sie auf jeden Fall.

Die Vorstellung endete mit tosendem Beifall und nicht endend wollenden Verbeugungen der Akteure.

Das Ballett war ein durch und durch Spitzenballett, das Corps war gut aufgelegt und brachte in Verbindung mit der Musik beste Erzählkunst in  Form einer Komödie aber auch Tragödie dem Publikum dar. Die Kunst Komödie mit der Tragödie zu vereinen ist nicht jedem vorbehalten, das Hagener Ballett hat es jedoch geschafft. Auch wurden Ansätze mit unserer heutigen Gesellschaft offensichtlich aufgezeigt. Erwünscht? Lassen wir es stehen. Dank an  eine hervorragende Leistung aller Beteiligten. Und diese Beteiligten wurden anschließend nochmals in der folgenden Premierenfeier berechtigterweise vom Intendanten Norbert Hilchenbach gewürdigt.

   
  Hans Werner Henze (Zweiter v.l. zweite Reihe) bei seinem Besuch im Theater Hagen                                                  Foto: Foto Kühle  

 Weitere Vorstellungen:

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Hagen.