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Ennepetals rudimentäres Geschichtsbewusstsein

Textor  Fotos: Stadtarchiv

Dr. Fritz Textor – Fotos: Stadtarchiv



[jpg] Es war der Partei Bündnis90/Die Grünen zu verdanken. Sie hatten den Lapsus der mit Straßenbenennung „Dr.-Fritz-Textor-Ring“ einherging durch den Rat der Stadt Ennepetal erkannt. Die Aufregung in der Stadt war groß, ist Ennepetal doch bekannt als eine fehlerfreie Kommune in der eben Politik und Verwaltung wie am Schnürchen alles richtig machen.

Dr.  Fritz Textor war Rektor des Reichenbach Gymnasiums und erster Bürgermeister der Stadt Ennepetal. Und dieser Mann sollte einen anderen Menschen im dritten Reich denunziert haben? Ja, meinte Hans Hermann Pöpsel, ehemaliger Zeitungsredakteur in Ennepetal der im Stadtarchiv der Stadt Ennepetal für eine Dokumentation recherchierte und auf Dr. Fritz Textor stieß. Dr. Fritz Textor war aber auch Mitglied der FDP und diese wies, wie auch andere der Ennepetaler Größen diese Vermutung zurück. Um diese Vermutung zu untermauern wurde Prof. Dr. Ulrich Pfeil mit der geschichtlichen Aufarbeitung und Bewertung der Causa Dr. Fritz Textor beauftragt. Dieses Gutachten konnte die Vermutung der Denunziation durch Dr.  Fritz Textor nicht bis zur klaren Gewissheit bestätigen.


Am 29. Januar 2015 sollte der Rat der Stadt Ennepetal entgültig entscheiden ob diese Straße umbenannt werden sollte oder nicht. 22 Wortmeldungen und gefühlte drei Stunden befassten sich der Stadtrat damit ob Dr. Fritz Textor einen Menschen denunziert hatte oder nicht.

Schlussendlich wurde eine geheime Abstimmung durch geführt. 20 Räte waren dagegen, 18 waren dafür und ein Ratsmitglied enthielt sich der Stimme, wobei ein Ratsmitglied sich für befangen erklärte. Kurz, das Straßenschild bleibt dran. Also hat Ennepetal jetzt einen Nazi als Namensgeber für ein Straßenschild, der zwar nicht denunziert hat, jedoch nach dem negativen Modus Operandi wohl zu dieser Denunziation neigte. Nebenbei war die Denunziation ein probates Mittel um mißliebige Nachbarn kaltzustellen, selbst Kinder wussten ihre Eltern mit diesem Mittel auszuschalten. Die damalige Gestapo dankte es denn auch. Denunziation war halt im Nazireich alltäglich um die Angststimmung in der Bevölkerung, immer auf einem bestimmten Level zu halten.


Nur, liest man das Gutachten, war diese Denunziation zwar nicht zu beweisen, was jedoch klar und deutlich durch Prof. Dr. Ulrich Pfeil heraus gearbeitet wurde: Textor war ein vorbildlicher Nazi und Opportunist.
Er war einer von vielen die das Terrorsystem der Nazis möglich gemacht haben. Er war es, der mit an den ideologischen Grundlagen der Rassenidee arbeitete. Seine Arbeiten sollten die von den Nazis angestrebte Herrenrasse, die andere Menschen zu Untermenschen machte, wissenschaftlich untermauern. Willfährig, so nannte man dies damals, war Textor bereit, auch andere (!) Arbeiten auszuführen. Er wollte die Leiter in diesem Verbrecherregime nach oben beschreiten. Er war kein passiver Assistent im wissenschaftlich akademischen Betrieb der Nazizeit. Er war ein Mensch der auf dem Sprung war, zu „höheren Weihen“ um die Sprache der Nazis zu benutzen. Bis zuletzt glaubte er an den „Endsieg“, den er nachweislich persönlich begleiten wollte. Gerade solche Menschen, wie Fritz Textor, waren das „Fleisch“ die das Naziregime am Leben erhielt. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Naziregimes wird man nach 1945 solchen Menschen ein „verengtes Verantwortungsbewusstsein“ bescheinigen um sie dann mit zweifelhaften Bescheinigungen als Gegner, wenn nicht sogar Opfer des Naziregimes darzustellen.


Die Entscheidung des Ennepetaler Stadtrates war zwar demokratisch legitimiert aber letztendlich schlichtweg falsch und zeugt von einem mangelhaften Geschichtsbewusstsein.


Nun haben wir einen nationalsozialischen Namensgeber für ein Straßenschild, so kommt das Naziregime zu späten Ehren. Immerhin.



Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Ennepetal