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Politiker und Sensibilität, schließen sich irgendwie aus

     [jpg] Nun hat sich „unser“ Literatur-nobelpreisträger Günter Grass einmal mehr Sorgen um den Weltfrieden gemacht. Er hat ein Gedicht verfasst, was der Form nach kein Gedicht ist.

Nur inhaltlich hat er etwas gesagt, was viele um treibt und was tatsächlich tabuisiert wird. Tabuisiert deshalb, weil es sich nicht gehört Israel, also den Staat Israel, zu kritisieren.
Klar können wir Belanglosigkeiten, wie, die Straßen könnten mal eine neue Decke bekommen, kritisieren. Aber wir dürfen nicht die Siedlungs-, Verteidigungs- oder gar die Gesellschaftspolitik kritisieren.

 Günther Grass                               [Screenshoot Tagesschau]
   

Hinter vorgehaltener Hand ja, aber nicht offen. Wenn man das jedoch macht ist man sehr schnell in die Ecke des Antisemiten gerutscht oder möchte gar das Werk Hitlers als Erbe vollenden.

Unser ehemaliger Bundespräsident und Oberbürgermeister von Wuppertal. Johannes Rau. war immer ein Freund Israels, aber wie er einmal gesprächsweise sagte, eine Freundschaft sollte auch Kritik aushalten. Deutsche sollten jedoch ihre Kritik gegenüber Israel wohlüberlegt anbringen, dies gebiete die besondere Beziehung zu Israel.

Zu diesem Staat Israel gehören Juden, Christen und  auch Muslime, es gehören aber auch die verschiedensten Ethnien dazu. Politisch findet man in Israel von erzkonservativ bis progressiv alles in einer Gesellschaft. Das es in solch´einer Gesellschaft auch brodelt ist klar. Nur, eine gute Demokratie hält so was auch aus, ja braucht diese unterschiedlichen Strömungen um im Dialog sich weiter zu entwickeln. Israel hat jedoch keine Freunde als Nachbarn, vielmehr muss das Land immer auf der Hut sein. Alle Nachbarn wünschen sich nur eines, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Dieser Wunsch existiert schon seit Nasser, der die Israelis ins Meer treiben wollte. Israel hat gelernt damit zu leben und seine Nachbarn immer im Auge zu haben. Politisch reagiert Israel nicht immer glücklich auf die Vorkommnisse seiner Nachbarn. Und jetzt hat Israel auch noch einen „arabischen Frühling“ einzuschätzen. Bekannte Diktatoren verschwinden und überall sieht man die politischen Verhältnisse instabil werden. Es geht aber noch weiter. Der Iran mit seinem Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet die Shoa und droht ziemlich unverhohlen den Israelis mit der Auslöschung. Dazu kommt das Atomprogramm der Iraner, welches letztendlich zu der Atombombe führen kann. Ein Interview welches der Frontmann des ZDF Claus Kleber mit Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad führte brachte auch keine Klarheit. Allerdings führte sich Claus Kleber vom ZDF eher wie ein Anfänger auf, der noch nie ein Interview geführt hatte.

Das ist so ziemlich alles an Fakten um eine Ausgangssituation zu beschreiben. Fehlt noch die israelische Seite zu beschreiben. Auf israelischer Seite steht ein Hardliner oder auch Falke dem Staate vor, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Benjamin Netanjahu fiel während seiner ersten Amtszeit als israelischer Ministerpräsident 1996 bis 1999 dadurch auf, dass er gegenüber den Palästinensern eine unnachgiebige Siedlungspolitik ausübte. Diese harte Haltung brachte für die Friedenspolitik einen herben Rückschlag.

Und nun kommt Grass, der gegenüber Benjamin Netanjahu und seiner Regierung eine inakzeptabele Person ist, her, mit einem Gedicht welches moralisiert, relativiert und Israel persönlich moralisch angreift. Grass erfährt zuerst von seinen Landsleuten Kritik oder was man als Kritik sehen will. Da wird die Person Grass auf Teufel komm raus diffamiert, es wird polemisiert und diskreditiert, nur inhaltlich setzt sich niemand mit dem „Gedicht“ auseinander. Der Gipfel war, als man Grass dafür angriff, dass er von den Nazis als 17 jähriger eingezogen und der SS zugeteilt wurde. So kann man natürlich auch eine Kritik vernichten indem man die Person vernichtet. Aber es gibt noch eine Steigerung, indem der israelische Innenminister Eli Jischai ein Einreiseverbot über Grass verhängte. Dies ist eine vollkommen unangemessene Reaktion und bringt den Staat Israel in einer Ecke mit Diktatoren in der er nichts zu suchen hat. Was aber soll der ganze Zirkus? Nun, nächstes Jahr wird die 19. Knesset gewählt und die Regierung Netanjahu ist in Israel nicht gerade beliebt. Da kommt einem Machtmenschen wie Benjamin Netanjahu dieses Gedicht gerade Recht um schon einmal Stimmung für die Wahl zu machen. Und der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad? Auch er macht von seinem Recht Gebrauch über missliebige Menschen ein Einreiseverbot zu verhängen.

Was ist aber denn jetzt mit dem Inhalt des „Gedichtes“?

 

Nun, Grass hat Recht:

  •  
  • Das im Nahen Osten eine Atombombe von wem auch immer zum Untergang des Anderen führen kann.

  • Und diese eine Atombombe einen Weltbrand herbeiführen kann.

  • Und die Tabuisierung des Atomwaffenbestandes von Israel immer die Frage aufwirft, warum sollen Andere dann ( Auch Schurkenstaaten) mit offenen Karten spielen.

  • Und der Friedenswille im Nahen Osten nicht gerade als ausgeprägt einzustufen ist. – von allen Seiten.

  • Und wenn ein Funken Hoffnung auf Frieden war, genügte eine Rakete um diesen Funken auszulöschen.

 

Grass wollte nicht:

 

  • Das Volk Israel diskreditieren, vielmehr wollte er sein Misstrauen gegenüber der derzeitigen Führung ausdrücken.

  • Er wollte dem Volk Israel niemals unterstellen, es wolle den Iran auslöschen.

 

Ok, das Gedicht war und ist sehr sperrig, naiv und für einen Literaturnobelpreisträger daneben. Aber mit ein klein wenig Willenskraft und oder auch Sensibilität konnte man das Gedicht als Beitrag zur Friedenspolitik erkennen.

Was man aber niemals daraus erkennen konnte ist der Antisemitismus. Und das die konservativen Blätter der Bundesrepublik Deutschland mit einem Kampagnenjournalismus über den alten Grass herfielen, hätte ich wirklich nicht gedacht. Komisch, das selbst die israelische Zeitung Haaretz ( Immerhin!) dieses Gedicht ganz entspannt sieht (Gunter Grass’ poem is more pathetic than anti-Semitic by Tom Segev ).

Und der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor meinte auch ganz gelassen sinngemäß, viele Menschen müssen immer irgendwo etwas hinein interpretieren, wo nichts ist. So auch im Falle dieses Gedichtes.

 
Avi Primor        [File:Avi-primor-2010-ffm-036.jpg Wikipedia]

 

 

Und so ist es Grass wieder gelungen die Menschen zu polarisieren und über die tatsächlichen Probleme zu sprechen über die zu sprechen notwendig ist.

 

 

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik