Ennepetal soll auf einer Rasierklinge reiten?

[jpg]  Die FDP lud zur öffentlichen Fraktionssitzung am 30.11.09 ins Haus Grebe ein. Wie schon in Wahlkampfzeiten, stellte sie einen Referenten vor, der über ein, für Ennepetal, brennendes Thema referieren sollte.
Bürgermeister Wilhelm Wiggenhagen und der designierte Leiter des Bürgermeisteramtes Casimo Palomba (CDU) waren erschienen und wollten über die "Vision 2025" referieren. Vision 2025 war die Masterarbeit von Casimo Palomba (CDU). Inhaltlich setzt sie sich mit der "Stadtentwicklung Ennepetals unter Berücksichtigung des demografischen Wandels" auseinander. Ich möchte rufen: Herzlich willkommen in der Runde der Ökonomen, wieder einer mehr.

Ökonomie besteht jedoch nicht nur aus Zahlen und Berechnungen, sie besteht zu ungefähr aus 65 % aus Psychologie und Soziologie. Und das letzte scheinen die Herren Wiggenhagen und Palomba (CDU)  nicht akzeptieren zu können.

Palomba (CDU) schmiss uns die Zahlen um die Ohren das es nur so krachte, hier der Flächennutzungsplan, dort das Einzelhandelskonzept der CIMA, dort die Bevölkerungsstatistik des Landesamtes NRW und, und, und um einen fulminanten Kunstflug zu tätigen. Gelandet sind wir mit einem lauten Knall auf einer Rasierklinge. Wie Donnerhall klang die Forderung des Herrn Palomba: Die Stadt muss sich für die Schrumpfung entscheiden, hier und jetzt. Wobei seine Perspektive für Ennepetal bevölkerungspolitisch bei 23.000 Einwohner liegt. Ein Strategiekonzept muss her, so Palomba, aufgezeigt wurden hier die alten Werkzeuge, die allesamt bisher versagt haben.  Wilhelm Wiggenhagen will eine Bürgerrunde, die eine Strategie mit erarbeitet. Nein, ich denke so geht das nicht. Herr Siekermann (FDP) brachte es auf den Punkt: Wofür haben wir uns Anfang des Jahrtausends in den unterschiedlichen Runden die Arbeit gemacht, wenn hinterher die Stadtverwaltung doch nichts davon umsetzte?Er meinte damit die Leitbilder für Milspe und Voerde aus dem Jahre 2001.

Ich denke mit diesem Referat wollten der Bürgermeister und sein Amtsleiter den so genannten Führungsanspruch einfordern.

Wie weit wir schrumpfen sollen, dass wollten uns Wiggenhagen und Palomba (CDU) nicht sagen. Aber wenn ich solch eine Entscheidung fordere, so sollte ich wenigstens eine Hausnummer sagen können.

Lassen wir uns einmal ein "worst case" Szenario zu Grunde legen, also der GAU für Ennepetal.1975 gab es in Ennepetal rund 38.000 Einwohner,jetzt sollen in 2025 nur noch rund 23.000 Einwohner innerhalb der Stadtmauern leben. Die gesamte Infrastruktur ist auf die 38.000 Einwohner ausgerichtet. Und soweit ich informiert bin waren die Planungen auf über 40.000 Einwohner ausgerichtet. Der Wohnungs- und Gebäudebestand muss zurück gebaut werden. Damit einhergehend werden die Preise für Grund und Boden ins uferlose sinken. Auch der verbleibende Immobilienbestand wird einen sehr hohen Werteverlust erleiden. 23.000 Einwohner würde bedeuten, wir verlieren Voerde-Nord, Homberge, Oberbauer,Hasperbach und müssen diese Stadteile zurückbauen. So einfach wird es jedoch nicht gehen, vielmehr werden sich die Auflösungen nicht unbedingt gezielt ergeben. Es werden mitten in den Ortteilen Flecken von Leerstände entstehen. Da kann man nicht eben  zusammenrücken, indem man drei Mieter umziehen lässt und dann das Haus abreißt. Das CIMA Konzept kann man heute schon in die Tonne legen. Denn eine Perspektive für den Einzelhandel wird es nicht geben. Dann die Kosten für diesen Rückbau, sie sind immens. Der Osten hatte dieses Problem schon. Wenn dort nicht Mittel des Bundes, der EU und der Länder gewesen wären, wären diese Kommunen schon verkommen. Und was das für einen Kommunalhaushalt bedeutet? Im Grunde sind bei solchen Szenarien sämtliche Mittel gebunden, kein Cent wäre frei um eine andere Aufgabe als diesen Wandel zu finanzieren. Handlungsspielräume gibt es nicht mehr.

Ja, die böse Statistik, wenn sie doch nicht für alles herhalten muss, selbst für die eigenen Fehler der Vergangenheit kann sie benutzt werden.

Der demografische Wandel in Ennepetal ist kein allgemeingültiger Wandel, vielmehr vollzog  und vollzieht er sich aus den politischen Fehlern der Vergangenheit.

Das Problem für Ennepetal: Es gehen überdurchschnittlich viele junge Menschen Ennepetal durch Wegzug verloren. Dem gegenüber sterben aber nicht genug ältere Menschen in Ennepetal, damit würde sich dies alles wieder ausgleichen. Also wenn alle Jungen bleiben  und die Alten über 60+ wegsterben würden, wäre das Problem gelöst. Ich weiß, das war jetzt zynisch, sollte aber eine Zuspitzung sein.

Die Lösung: Schafft Strukturen, das junge Menschen sich in den Stadtmauern mit ihrer Stadt identifizieren können und sich auch wohl fühlen. Das die jungen Menschen außerhalb uns überhaupt wahrnehmen.

Beispiel gefällig: Die Rockband Revolverheld gastierte in diesem Jahr in Voerde.
In den Nachbarstädten wurde die notwendige Promotion jedoch nicht wahrgenommen. Der Kirmesplatz war sodann auch nur zu einem Drittel belegt. Die Jugendlichen waren allesamt aus dem Häuschen. Nur sollte das was Einmaliges zu den 60 Jahrfeiern sein? Und das ist es was ich nicht begreife, ein solches Konzert hatten wir als Jugendliche auch gehabt. Hier ist es jedoch etwas, dass alle 60 Jahre mal stattfindet? Nur Jugendliche haben heute ein anderes Lebensgefühl und dem sollte man Rechnung tragen. After Works Partys, Über 30 Feten (Ist auch nicht mehr das), Techno Feeling mit mehreren DJ´s oder auch LAN Partys, sie wollen chillen. Ja, und auch Flatrate "saufen" als exzessive Lebensform. Dies alles ist aber organisier- und steuerbar, wenn man will. Gevelsberg hatte am Nirgena im Rahmen seiner "großes G" Veranstaltungen auf dem Platz ein Alkoholverbot erlassen, es funktionierte.

Ja, dieser Wille in Ennepetal ist recht rudimentär ausgeprägt, Anpassung an die Gegebenheiten die man als nicht beeinflussbar hinnimmt. Eine Toilette in Milspe kann da schon mal einen 10 Jahresplan voraussetzen, verbunden mit der Hoffnung die Bürger würden ihr Verhalten ändern und ihre menschlichen Bedürfnisse einstellen.

Und da war das noch mit den Alten, für die man auch keine richtige Verwendung hat, die man aber auch nicht versteht. Warum werden die nur so alt? Auch hier sollten andere Strukturen geschaffen werden. Es ist ein Märchen, dass ältere Menschen nur die "kurzen Wege" haben wollen. Auch sie brauchen Angebote, z.B. kultureller Art, die sie in die Lage versetzen aktiv ihr Leben zu gestalten. Sie wollen nicht zu Siechenden abgestempelt werden. Abgesehen davon, dass sie eine recht kaufkräftige Gruppe darstellen, denen man von der Wirtschaft nichts bietet, ja, sie noch nicht einmal als Zielgruppe wahrnimmt.

Das Problem des demografischen Wandels so wie es heute dargestellt wird, wird sich von alleine lösen; denn schon jetzt sterben die älteren schneller als junge Menschen geboren werden. Und dann werden wir ein Problem haben, 2025 bis 2050, dann muss Deutschland seinen industriellen Standort aufgeben, denn was fehlt, sind gut ausgebildete Arbeitskräfte. Und die guten Arbeitskräfte können sich die Standorte aussuchen, die für sie ansprechend sind, ob da aber Ennepetal mit mischen kann, wage ich zu bezweifeln. Die Folge: Firmen wie Bilstein, Dorma oder ABC müssen sich andere Standorte suchen, dort wo es Städte gibt die attraktiv genug sind um Arbeitskräfte zu binden.

Alles in allem war dies eine düstere Vision, eine Vision der Aufgabe und darüber hinaus die teuerste Vision die mir unter die Augen gekommen ist. Es fehlte der Mut die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen und zu gestalten.

Eben ein Ritt auf der Rasierklinge, der mit dem Untergang der Stadt enden könnte.

Aber wie gesagt, es ist ein "Worst Case" Szenario. Ist denn kein "Best Case"  oder zumindest ein "Average Case" Szenario mit dem derzeitigen Denken möglich? Unkonventionelles Denken oder das undenkbare zu Denken ist möglich, wenn man sich nicht blind an vorgegebene Strukturen festhält. Gevelsberg plant lustig vor sich hin, meistert jede Aufgabe um seine Stadt attraktiver zu gestalten, die Zahlen sind alle stimmig. Sind das andere Menschen? Sind die auf Droge, weil es bei denen vorwärts geht?

Und noch einmal, Mut und Ehrgeiz, das braucht man in Ennepetal, für die Parteien und die Verwaltung.

Was bleibt? Es fällt bei solchen Themen in der Vergangenheit immer wieder auf, dass Ennepetal keine Streitkultur hat. Das sich in den Veranstaltungen niemand traut eine Diskussion zu führen, eher werden da ein paar Statements abgegeben. Die Beteiligten sind offensichtlich nicht an einem Feedback interessiert. Dadurch unterbleibt das Ringen um den besten Weg. Schade eigentlich.

Jürgen Gerhardt

6 Kommentare
  1. Ein Voerder says:

    Genau so hat es damals Eckhardt nach seiner ersten Einführung  gemacht. Damals hatten auch viele Leute geglaubt, jetzt geht es los. Damals waren wir mit den Leitbilder Voerde und Milpse beschäftigt. Es war eine gute und positive Stimmung. Was geschah danach? Nichts.
    Das ist die Wiederholung der damaligen Aktion, allerdings etwas angepasst. Herr Frey müsste doch auch aufgeschrien haben, der war doch damals auch dabei. Das die sich sowas noch mal leisten würden. Ich fass es nicht.

  2. EIN ENNEPETALER says:

    » Streitkultur in Ennepetal «

    Ist uns in Ennepetal schon mal ein Lokalpolitiker oder ein Verwaltungsmensch begegnet, der ohne Umschweife von eigenen Fehlern sprechen konnte? Warum gibt's das nicht?
    Die Verwaltung packt dem Rat Vorlagen auf den Tisch, der Rat stimmt zu, wir (die Bürger) werden glauben gemacht, eine heilige Handlung habe sich vollzogen, der Mehrheitsbeschluss verwandele die Vorlage in ein Dogma. Ratsbeschlüsse werden zu fundamentalen Glaubenssätzen verklärt, die demütige Bewunderung verlangen. Gedankliche Pilgerfahrten zu den Ratsbeschlüssen sind gestattet (auch in Internet-Medien), wenn der bewundernde Rahmen gewahrt bleibt. Wer dieses Tabu bricht, wird aus dem Paradies geschmissen und wie unser Bürgermeister zur Buße nach Gevelsberg geschickt.

  3. Redaktion
    Redaktion says:

    Die Formulierungen habe ich mir aber jetzt abgeschrieben, weil sie punktgenau sind.

    Das mit dem streiten ist bei vielen Menschen so eine Sache. Die Spezies Politiker aber auch Verwaltungsmenschen wollen geliebt werden, uneingeschränkt. Sie selber können aber nicht lieben, suchen sich deshalb die Ersatzhandlungen in Form ihrer recht simplen Ansätze von Politik, die doch sehr infantil sind. Bei einem Streit würde aber dieses ganze Konstrukt zusammen brechen und sie würden als das dastehen was sie sind, als Menschen die Probleme schaffen die sie selber nicht lösen können. In diesem Sinne schaffen nicht wir, das Volk, das Problem, sondern diese Spezies reden uns ein wir hätten ein Problem. So verkommt die Demokratie zu einer riesigen Therapie in welcher das Volk seine hochgradig neurotischen Politiker therapiert.

  4. Der stille Beobachter says:

    Ich habe gerade von der VIsion 2025 ein erstes Mal gehört und ich muss sagen, dass Herr Palomba auf mich einen unglaublich kompetenten Eindruck macht.
    Im Gegensatz zu ihrer angeblichen Streitkultur, die sie hier einfach als Anfeindung runterschreiben, hat sich hier ein Mensch Gedanken zu Ennepetal gemacht und dafür eine Auszeichnung bekommen. Das diese Fakten erstmal nicht schön sind, okay. Das man sich SICHER sein kann, dass Prognosen über 15 Jahre nicht eintreffen, okay. Aber hier jetzt wieder ein Feindbild aufzubauen ist ganz ganz schwach.

    Mich würde interessieren wie sie die Zukunft angehen würden. Das verschweigen sie uns seid der Wahl ja konsequent!

  5. Redaktion
    Redaktion says:

    Nun, Gedanken zu Ennepetal machen sich viele Menschen in dieser Stadt. Die meisten dieser Menschen haben jedoch kein Podium oder werden kurz und bündig abgeblockt. Die Politik tut immer so als wenn sie den Stein der Weisen verschluckt hat, lässt den Menschen außen vor. Folge: Die meisten sehen sich nicht genötigt sich für ihre Stadt einzusetzen.
    Was nun Herrn Palomba anbetrifft, der Vortrag hat mich nicht überzeugt. Weil, dass Ganze war nicht schlüssig. Dabei fehlte mir auch der nötige Ehrgeiz ein Mehr für die Stadt zu erreichen.

    Wie ich die Zukunft sehe oder angehen würde? Nun, ich habe mich für die Seite des Kommentators entschieden, dadurch nehme ich eine ganz andere Position ein. Diese Seite habe ich eingenommen, weil es an dem notwendigen Druck gegenüber den Verantwortlichen fehlte,den ich mit meiner Arbeit ausüben möchte.

  6. Leserkritik says:

    Hallo? Wir reden hier von Herrn Palomba. Der Vortrag ist ein Abklatsch dessen, was der Bertelsmann-Konzern seit langem verabschiedet hat. Dass die Zeichen auf Schrumpfung stehen – nun das wird in Städtebauvorlesungen seit 10 Jahren thematisiert. Dass das an Ennepetal nicht vorbeigehen wird – ui na klar. Dann war da noch ein Studentenprojekt, was sich um ein ähnliches Thema gekümmert hat – nur davon hat keiner mehr geredet. Aber weil es Herr Palomba ist, kommt das Thema nun wieder auf den Tisch mit gaaaaaanz neuen Informationen, die noch niiieeee jemand gegeben oder gehabt hat…
     
    Naja vielleicht versucht sich Palomba ja mal wieder als CDU-Bürgermeister irgendwo in Nord-, Süd- oder Ostdeutschland. Vielleicht tut er uns allen den Gefallen ja…

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