„Opern sind Großbaustellen…“ Komponist Ludger Vollmer im Gespräch


Ludger Vollmers deutsch-türkische Oper "Gegen die Wand" feiert am 26. Februar 2011 Premiere am theaterhagen. Im Vorfeld hat Jan Bogen, Dramaturg am theaterhagen, ein Interview mit ihm geführt.

"Opern sind Großbaustellen…"
Komponist Ludger Vollmer im Gespräch

Herr Vollmer, warum schreibt jemand heute eigentlich noch Opern?
Opern sind für mich das größte auf der Bühne zu erlebende Gesamtkunstwerk. Emotionen werden sowohl durch die Worte des Textes als auch durch die nonverbale Wirkung der Musik transportiert. Die Verbindung dieser verbalen und nonverbalen Ebene baut einen maximalen affektiven Druck auf, der im Idealfall den Zuschauer mit allen Fasern seines Körpers packt.

Wo aber steht die Oper im 21. Jahrhundert? Was sind ihre Herausforderungen?
Die Oper erfuhr ihre nachhaltigste Ausdehnung im 18./19. Jahrhundert bis hin zu Richard Strauss. Die Werke aus dieser Epoche stehen hauptsächlich auf den Spielplänen der Opernhäuser. Diese Opern transportieren werkimmanent die Ästhetik ihrer Entstehungszeit. Nun ist das 18. und 19.  Jahrhundert aber schon länger passé. Gerade die ästhetische Wahrnehmung der jüngeren Generation hat sich durch Technologien und Medien extrem verändert. Schnelle Reisemittel forcieren die Globalisierung. Der Input aus außereuropäischen Kulturen ist viel größer, als wir ihn vielleicht wahrnehmen. Unsere Alltagskultur ist voll mit Einflüssen aus orientalischen und afrikanischen Kulturkreisen. Diesem Umbruch vor allem seit Ende des zweiten Weltkrieges muss auch die Oper Rechnung tragen. Wir können dauerhaft nicht vom Zielpublikum erwarten, dass es sich sofort beim Betreten eines Opernhauses auf eine andere Ästhetik umstellt. Sonst wird die Oper irgendwann museal. Ich gehe gerne ins Museum und schaue mir z.B. altägyptische Kunst an, nur erreicht sie mich heute emotional ganz anders als die Menschen in ihrer Entstehungszeit.

Wussten Sie sofort, nachdem Sie den Film "Gegen die Wand" gesehen hatten, dass Sie einen geeigneten Opernstoff vor sich hatten?

Als Komponist ist man immer auf der Suche nach Stoffen für neue Werke. Opern sind ja Großbaustellen, mit denen man sich oft über mehrere Jahre hinweg beschäftigt. Stoffe, die Nachhaltigkeit versprechen, sind daher für mich sehr wichtig. So war das auch bei "Gegen die Wand". Ich war regelrecht schockiert, weil ich das Problem der Immigration als Ostberliner und Ostdeutscher so bewusst gar nicht kannte. Über die Medien war ich zwar informiert, aber ich hatte emotional nicht realisiert, dass es in Deutschland eine vollständige Parallelwelt der Minderheiten gibt, in der Menschen die gleichen archaischen Grundprobleme wie in der deutschen Mehrheit durchstehen müssen. Die Probleme der Figuren aus Ak?ns Film können überall stattfinden, und mir waren die Charaktere des Films plötzlich sehr nahe.


Wie war es große Teile der Oper in einer für Sie fremden Sprache, dem Türkischen, zu verfassen?
"Gegen die Wand" ist nach meiner Kenntnis die erste Oper überhaupt, die die türkische Sprache in diesem Ausmaß als Opernsprache verwendet. Ich hatte zwei Hauptmotivationsgründe, um das Türkische zu verwenden.  Zunächst ist die Sprache für mich so etwas wie der genetische Fingerabdruck einer Kultur, der auch durch gute Übersetzung nicht vollständig kopiert werden kann. Zum Zweiten ist Sprache natürlich ein Identifikationsmerkmal für das Zielpublikum. Lange Zeit wurde die hochkulturelle türkische Sprache in Deutschland nur als "Gastarbeitersprache" angesehen. Dem wollte ich entgegentreten, indem ich sie in die deutschen Opernhäuser, in das Herz unserer Kultur hole. Es wäre für mich eine Form des Neokolonialismus gewesen, wenn ich diesen Stoff nur auf Deutsch verarbeitet hätte.
Praktisch lief es so, dass ich auf Hilfe von Übersetzern angewiesen war. Ich habe immer wieder sehr genau nachgefragt, was die Übersetzung wörtlich bedeutet, habe für die Vertonung mit eingesprochenen Texten gearbeitet, diese nachgesprochen, ihren Rhythmus und ihre Sprachmelodie nachgefühlt und sie schließlich musikalisiert.

Sie verwenden in ihrer Oper auch klassisches türkisches Instrumentarium. Wie sind Sie damit umgegangen?
Das war für mich ein spannender Prozess. Die Verwendung dieser Instrumente war dabei aber ebenso wichtig für mich, wie die Verwendung der türkischen Sprache. Ich bin zunächst in Berlin auf türkische Meistermusiker zugegangen, die mir sehr viel geholfen haben. So

entstanden Kontakte nach Istanbul, wo ich bei bekannten Koryphäen, Sinan Celik und Özlem Özdil, Unterricht nahm. Auch als meine Partitur schon weiter vorangeschritten war, habe ich Kontakt mit diesen Musikern gehabt, die mir meine Musik auf ihren Instrumenten vorgespielt und mich beraten haben.  So eröffnete sich mir eine völlig neue Welt.

Das Interview führte Jan Henric Bogen

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