Fest der Liebe gerät zum Fest der Trauer, Hilflosigkeit und Wut.

[jpg] Gestern nach der Katastrophe war im Pressezentrum eine Mischung von Betroffenheit, Trauer, Hektik, Wut und Unverständnis anzutreffen. Ich stand mit drei älteren Kollegen draußen vor der Pressebrücke und wir waren uns einig, dass hätte nicht passieren dürfen. Es war von unserer Seite ein zu hohes Maß an Vertrauen gegenüber den Verantwortlichen vorhanden gewesen. In den voraus gegangenen Pressekonferenzen wurden zwar kritische Fragen zur Sicherheit gestellt, wir waren aber alle zufrieden mit den teils oberflächlichen Antworten. In Einzelgesprächen wurden diese kritischen Fragen den Verantwortlichen gegenüber nochmals gestellt, wir alle wollten jedoch nicht als Spielverderber oder Bedenkenträger dastehen. Und so beließen wir alle es dabei und dachten dass, was alle dachten: Es wird schon gut gehen.

Nur es ging eben nicht gut. Und in dieser Hinsicht haben wir uns alle irgendwie schuldig gemacht.

Als Beispiel mag die heute von der Stadt Duisburg abgehaltene Pressekonferenz herhalten, die man nur als stümperhaft einstufen kann. Technisch hatte man keine Vorbereitung getroffen um den sich nun stellenden Fragen der in- und ausländischen Presse Rede und Antwort zu geben. Betroffenheit und Trauer sollte man schon persönlich formulieren können und nicht vom Blatt ablesen, welches ein Öffentlichkeitsreferent angefertigt hat. Und es sollte die erste Reihe der Stadt anwesend sein und sich auch als solche ausweisen.

Nicht der stellvertretende Leiter der Polizei Duisburg Detlef von Schmeling, sondern der Leiter der Polizei Rolf Cebin hätte anwesend sein müssen. Ebenso die mit der Planung beauftragten Leiter der Stadt Duisburg und nicht nur der Leiter des Krisenstabes. Berechtigte und wichtige Fragen wurden allesamt mit Statements beantwortet. Man hatte den Eindruck die Verantwortlichen sprachen von einer ganz anderen Veranstaltung, nämlich der, wie sie hätte sein sollen, nicht der wie sie sich darstellte. Die wesentliche Aussage war jedoch, wir, die Verantwortlichen sind nicht Schuld an der Katastrophe, die Besucher haben ihren Tod selber herbeigeführt. Rainer Schaller  [Lopavent GmbH] der Organisator der Loverparade war fein raus, er verkündete das " Aus" der Loveparade nach dem er seine Betroffenheit geäußert hatte. Danach überließ er alles seinem Pressesprecher. Und der Oberbürgermeister Sauerland (CDU) wusste nichts Wesentliches zu dieser Veranstaltung zu sagen, außer die vom Blatt abgelesene Betroffenheit.

Dezernent der Stadt Duisburg  Wolfgang Rabe, wollte gar nur als Leiter des Krisenstabes befragt werden, zur Planung und Organisation oder zum Sicherheitskonzept wollte er nichts sagen. Detlef von Schmeling der stellvertretende Leiter der Polizei Duisburg verwies darauf, dass der Organisator, also die Loveparade [Lopavent GmbH]  selber, für die Sicherheit verantwortlich gewesen sei. Was haben die Verantwortlichen doch ein Glück, dass nunmehr zwei Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft eingetrudelt sind. So braucht man keine dezidierte Stellungnahme abzugeben – wegen des Ermittlungsverfahrens. Ach ja, nebenbei hatte man mal so eben zugegeben, dass dieser Platz nur für 500 tsd. ausgelegt war und die anwesenden 1,4 Mio nur nacheinander hereingelassen werden konnten.

Nun zu unserem persönlichem Eindruck von dieser Loveparade.

Recht früh um 16:00 Uhr kam das Team welches sich im Bereich aufhielt wo sich die Tragödie danach abspielte zurück und berichtete, dass dort ein fürchterliches Gedränge vorherrschte und keine Arbeitsmöglichkeit vorhanden wäre. Die Aussage der Beiden, wenn das man gut geht. Die Teams blieben nunmehr am Eingang der nur der Presse und den VIPs vorbehalten waren und arbeiteten von dort aus. Der Tunnel als auch die Rampe zur Veranstaltung war uns durch Augenscheinnahme bekannt, die Enge wurde auch in den PKs kommuniziert.

Am Freitag versuchte ich mich mit dem Veranstalter [Lopavent GmbH] , der Polizei und der Stadt auf eine Regelung hinsichtlich der Anreise zu einigen. Mein Eindruck: Es herrschte eine krisenhafte Stimmung vorab, keiner der Befragten wusste eine klare befriedigende und kompetente Antwort zu geben.

Wir waren also auf uns gestellt. Am Samstag parkten wir in der Waldstrasse ca. 5 Minuten vom Veranstaltungsort ab und gingen zu Fuß dorthin. Auf dem Weg fiel uns als erstes auf, dass die von uns angetroffenen Polizeibeamte keine Ortkenntnis hatten, nur einer hatte einen Stadtplan privat mitgebracht. Keiner der Beamten wusste genau wo der Veranstaltungsort ist, für meine Begriffe ein Unding. Bis wir dort ankamen sahen wir nur vereinzelnd Polizeibeamte. Als wir am Pressecounter ankamen und unsere Zugangsberechtigungsbänder bekamen übernahm die Sicherheit des Veranstalters [Lopavent GmbH] .

Da war eine Pressebrücke für Fotografen, die nur für 80 Personen ausgelegt war, was aber nicht so recht überprüft und kontrolliert werden konnte. Erst nach der Katastrophe fing man an zu zählen, nur man konnte von zwei Seiten auf die Brücke, wobei die eine Seite nur kontrolliert wurde.

Die Kommunikation über WLan ging nach einer relativ kurzen Zeit in die Knie und wir hatten nur im kb Bereich einen Zugang. Das Laden gestaltete sich als Geduldsspiel. Alle Ansprechpartner waren nicht umfassend informiert, sie hatten nur einen kleinen Teilbereich von Informationen parat. Als die Veranstaltung  pünktlich um 14:00 begann, wollte jeder nur seine Bilder haben, wir auch. Alles andere wurde irgendwie ausgeblendet, auch von uns.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Das worst case Szenario trat ein – die Katastrophe war da. Als ich von den 10 Toten und den vielen Verletzten erfuhr, wusste ich ehrlich gesagt nicht wie ich damit damit umgehen sollte. Während ich noch mit meiner Gefühlswelt beschäftigt war, sprangen die Kollegen allesamt zum Unfallort. Einige Kollegen wurden von ihren Redaktionsleiter angeschrien ob sie sich denn nicht endlich auf den Weg machen wollten um von der Unfallstelle Bilder zu machen. Ich persönlich war wie gelähmt. Die ersten Kollegen kamen zurück und brachten die Bilder vom Unfall. Es waren schreckliche Bilder die ich auf den Bildschirmen sah. Alle waren ensetzt. Wir haben dann gemeinsam entschieden, wir machen keine Bilder vom Unfallort aus ethischen Gründen. Nicht weil wir die Guten sein wollten, sondern, was sollte das bringen? Bringt die Hereingabe eines Bildes von herumliegenden Leichen und herumstehenden Tragen mit Verletzten eine wesentliche Information für einen Leser. Nein!  Es würden nur die niedrigen Instinkte unseres menschlichen Daseins bedient.

Es herrschte aber ein Gefühl der Trauer bei uns vor und dem wollten wir nachgeben. Wir brachen unsere Berichterstattung ab.
Auf dem Rückweg sahen und hörten wir wie schlecht die Organisation war, die unseres Erachtens nicht annähernd mit der nun eingetretenen Situation zurecht kam. Da irrten junge Menschen durch die Strassen und wussten nicht wie sie mit ihren Eltern in Verbindung kommen konnten um diesen mitzuteilen, dass es ihnen gut geht. Das Mobilfunknetz war zusammen gebrochen. Öffentliche Fernsprecher gab es nicht. Polizeibeamte wussten Ortsfremden nicht den Weg zum dem Bahnhof zu weisen, weil sie selber ortfremd waren.

Der Rückstau zum Hauptbahnhof wurde sich selber überlassen und war auf einige Zehntausend angewachsen. Über die Gleise irrten junge Menschen und versuchten sich durchzuschlagen. Wohin?  Wohin wohl, es gab ja keine Information. Über den Köpfen kreisten die Hubschrauber der Polizei als auch der Rettung. Wir sahen nur einen Plan, keinen mehr auf das Gelände zu lassen. Aber das wurde nicht kommuniziert. Es kriselte. Und ehrlich gesagt, wir wollten schnell weg. Beinahe kamen wir nicht zu unserem Wagen durch, weil die Polizei dachte wir wollten auf das Gelände. Erst durch massive Intervention ließ man uns durch. Als wir endlich in unserem Auto und aus dem Ring heraus waren, sahen wir wie immer mehr Polizei- und Rettungskräfte mit Blaulicht herangeführt wurden. Auch auf der A3 sahen wir immer wieder dutzende Einsatzfahrten auf Duisburg zufahren.

Mein Eindruck:

Was nützt die tollste Organisation wenn sie sich in der Realität nicht bewährt. Schönwetterorganisationen braucht man für solch eine Veranstaltung nicht, wenn es um Menschen und deren Leben geht. Für meine Begriffe haben sowohl die Stadt Duisburg als auch der Veranstalter  [Lopavent GmbH] der Loveparade auf der ganzen Linie versagt. Sie haben billigend in Kauf genommen, ob bewusst oder unbewusst, dass Menschen bei einer Grenzsituation zu Schaden kommen. Duisburg wollte anscheinend diese Imageveranstaltung "Loveparade", jetzt muss die Stadt mit dieser Entscheidung und deren Folgen leben. Wie schreibt die spanische Zeitung "El Mundo" "Der Umzug der Liebe wurde zur Parade des Horrors." und damit hat die Stadt Duisburg auch Deutschland in Verruf gebracht. Warum ist man nicht wie Bochum hergegangen und hat die Veranstaltung abgesagt? Die Bochumer haben nachdem das notwendige Sicherheitskonzept zu teuer wurde, die Veranstaltung abgesagt. Sicherheit geht eben vor allen anderen Aspekten, zumal wenn es um Menschen geht.
Was jetzt zu tun ist? Die Verantwortlichen von Stadt und dem Veranstalter [Lopavent GmbH] sollten ihren Hut nehmen und sich der Verantwortung stellen, alles andere wäre nicht angemessen genug den Toten und Verletzten gegenüber.

Für mich selber bleiben nur die Verarbeitung meiner Trauer und Hilflosigkeit und eine neue Erfahrung, die ich gerne nicht gehabt hätte.

Eines ist aber auch sicher, durch diese Tragödie wird das Vertrauen in die Sicherheitskonzepte einer Polizei als auch der öffentlichen
Behörden, wie einer Stadt, nachhaltig geschädigt. Was ist zum Beispiel von einer Polizei zu halten, die bei einem privaten Veranstalter und seinem Sicherheitsteam nicht einschreitet, wenn Menschenleben offensichtlich in Gefahr sind. Die Polizei in einem Staat ist für unserer aller Sicherheit verantwortlich, dafür darf nur sie alleine Gewalt gegenüber anderen ausüben. Und das mit gutem Recht. Sie hätte viel früher einschreiten  und die gesamte Sicherheit übernehmen müssen.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Duisburg

 

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