Es ist zu viel passiert – es lässt mich nicht los

[la] Es sollte auch für mich ein besonderer Tag werden – er wurde es, aber anders als ich je gedacht hatte.

Seit Anfang des Jahres sind wir unentwegt auf Pressekonferenzen und Veranstaltungen der Ruhr2010 im Einsatz. Alles, was bisher veranstaltet wurde war großartig und beeindruckend. Wir haben eine Crew kennengelernt, die bis ins Detail alles organisierte und plante und für reibungslose Abläufe und für die Besucher und Beteiligten einmalig beeindruckende Veranstaltungen und Events inszenierten.

Der Spruch "Wo das geht, geht alles" motivierte und gab emotional einen starken Schub an Vertrauen, Zuversicht und Mut. Viele Dinge, die ich in diesem Jahr mitgemacht habe, hätte ich sonst nicht getan, seien es die abenteuerlichen Fahrten beim Ruhr-Atoll, die Fahrt mit "Der Reservist" auf dem Kanal, der Einsatz in der "Veltins-Arena" und, und, und.

Aber alles war und wurde einfach gut, dank der Umsicht und Organisation der Macher der Ruhr2010 GmbH und ihrer Crew. Ich habe selten solch gut aufeinander eingespielte Teams gesehen, die "mit Herz" und nicht wegen ihres Jobs an einer Sache arbeiteten und sie sind für mich immer noch Menschen, denen ich große Achtung zolle.

Dann kam das Projekt "Loveparade". Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Ruhr2010 GmbH hier zwar mit ihrem Label eingebunden war, aber letztendlich mit der Organisation nichts zu tun hatte und auch keinerlei Einfluss darauf nehmen konnte.

 

Unser "junges Team war schon ganz heiß auf die Loveparade und wir selbst wollten ursprünglich zu Hause bleiben und das Ganze von hier aus begleiten. Dann wurde die Frage an unsere Redaktion gestellt "Holt Ihr uns nachts dort ab?" Klar doch, wollten wir.Und dann "Oder könnt Ihr uns auch hin bringen, denn es wird mit dem Zug wohl chaotisch werden und mit dem Auto hat man kaum eine Chance, da ja ziemlich viel Straßen gesperrt werden sollten."

Und plötzlich reagierte ich spontan "Ja, dann möchte ich eigentlich auch dabei sein – nicht mittendrin, aber hautnah dran", denn ich wußte, dass für die Medien ein Extrabereich eingerichtet wurde, wo sie sich zurückziehen und auch von da aus direkt live Artikel und Bilder ins Internet einstellen konnten.

Wir haben uns nachakkreditiert und dann am Donnerstag während der Ortsbesichtigung und des Soundchecks, welche von 16:00 bis 17:00 Uhr angesetzt waren unsere Ausweise abgeholt. Schon da merkte man, dass diese Organisation weit entfernt von den üblichen Vorbereitungen war, die wir sonst von Veranstaltungen der Ruhr2010 GmbH gewohnt waren. Es war klar – hier gab es andere Verantwortliche. Hier hatten die Stadt Duisburg und der Veranstalter Lopavent GmbH, Berlin das Sagen, hier war in den Ablauf und die Planungen die Ruhr2010 nicht eingebunden.

Es war für uns schon schwierig, den richtigen Eingang zum Veranstaltungsort zu finden und so wurden wir auf Befragen von Passanten und Ordnungshütern hin und her geschickt, bis das wir endlich kurz vor Ende des Termins das Gelände erreichten.

Als ich meine Fotos machte sprach ich mit einigen Kollegen, die auch bei den sonstigen Veranstaltungen mit uns zusammentrafen.

Ich machte mir Sorgen um den recht fragwürdigen Aufbau der Pressebrücke, der nur 80 Personen aushalten sollte, rund 1.000 Vertreter hatten sich aber angekündigt. Würde das wirklich kontrolliert? Das war ja jetzt, wo nur wenige von uns heraufkletterten schon ziemlich wackelig.

                                    

Dann hatte ich so stille Bedenken, das das mehr als morbide Gebäude des ehemaligen Güterbahnhofs dem aggressiven Dröhnen der Bässe nicht Stand halten könnte. Letztendlich war der Soundcheck auf 1/3 herunter gedimmt und schon das war recht heftig (also auf jeden Fall Ohrstöpsel mitnehmen). War die Statik dafür berechnet? Ich habe jahrelang in einem Betrieb gearbeitet, der mit dem Bau zu tun hatte.

Was aber viel mehr nachdenklich stimmte war die Tatsache, das von den anwesenden Helfern und Ordnungshütern jeder nur über seinen kleinen Bereich informiert war und nicht global über das Gesamtkonzept der Organisation Bescheid wußte und auch sehr junge Helfer eingesetzt waren, die bereits im Vorfeld den Eindruck machten, etwas überfordert zu sein. Das wir auf dem riesig freien Platz an einer Stelle parkten, die nicht dafür vorgesehen war, war wichtiger, als Informationen an uns weiter zu geben, die für den nächsten Tag, dem Ereignis von Bedeutung waren.

Wir fuhren grummelnd nach Hause  und machten uns schon unsere Gedanken, wie das alles wohl bei so viel Unbedarftheit funktionieren soll. Aber das war es auch erst einmal – leider. Man kommt zu leicht zu dem Gedanken "Ich kann´s nicht ändern"

Am nächsten Tag fuhren wir recht früh mit dem Auto  nach Duisburg und erwischten, oh Wunder, auch noch einen Parkplatz ausserhalb der Sperrungen. Mit Kameras und Laptop ausgestattet machten wir uns auf den Weg zum Veranstaltungsort und da ging es auch schon los. Da wir ja nach langem Parkplatzsuchen nun ortsunkundig in Duisburg waren und in Richtung der gesperrten Straßen gingen um Ordnungshüter nach dem Weg zu fragen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, es waren Mengen an Polizisten an allen möglichen Stellen vorhanden, aber sie kannten sich selbst nicht vor Ort aus. Sie waren u.a. aus Leipzig angerückt, haben ihren Platz angewiesen bekommen – aber keinen Stadtplan, keine Informationen oder Anweisungen wo es zu den Eingängen ging.

 


Auf der linken Seite sieht man den geraden und breiten Zugang für die Presseleute.

Oben Besucher, die während der Katastrophe auf der Gegenseite – dem eigentlichen Ein- und Ausgang für Besucher – ausnahmsweise diesen Eingang auch benutzen durften.

     

Wir hatten für die Presse und Vips einen eigenen breiten Eingang. Bei dem Gedanken läuft mir jetzt noch ein Schauer über den Rücken. Für uns Medienleute war er viel zu breit, hätte er schmaler sein können und für die Besucher hätte es eine bessere Lösung sein können. Irgendwann im Laufe des Tages, als sich auf der anderen Seite schon das Unglück ereignet hatte, wovon wir noch keine Kenntnis hatten, da wurden auf einmal durch diesen Eingang an die etwa 300 – 400 Besucher eingeschleust und auf das Gelände gelassen – wahrscheinlich um die andere Seite zu entlasten.

Bei einer gut vorbereiteten Planung hätte hier gut eine Ausweichmöglichkeit geschaffen werden können. Aber Plan B gab es wohl nicht.
Vorher war alles recht easy abgelaufen. Der Platz hatte sich allmählich gefüllt. So allmählich, dass ich schon den Eindruck hatte, da haben die wohl zu viel erwartet. Nach dem Startschuss und als die Floats sich in Bewegung setzten, sah es schon anders aus.
Da waren doch schon Mengen auf dem Platz. Fröhliche, junge Menschen. Zwar etwas ausgeflippt kostümiert, aber keinesfalls aggressiv und unangenehm in ihrer Art.  Nein es war Stimmung auf dem Gelände und ich fand, dass es gut war, das ich das mal selbst miterleben konnte. Überall gute Laune und Musik (durch die Ohrstöpsel gut zu ertragen) und Fotomotive ohne Ende.

Ich hatte mir sogar ein Tshirt von "The Art of Love" zugelegt und es auch sofort angezogen. Es sollte eine spätere Erinnerung an diesen außergewöhnlchen Tag sein. Nun liegt es im Schrank und wenn ich es sehe steigt Traurigkeit in mir auf.

Unser "junges" Team hatte sich sogar unter die Menge gemischt, um von dort aus Fotos zu machen. Als sie zurück kamen berichteten sie, das auf der gegenüberliegenden Seite (also dem Eingang für die Besucher) ziemliches Gedränge herrschte und man in der Menge ziemlich hin und her geschoben würde. Das war aber nicht direkt im Eingang, sondern davor, wo die Floats ihre Runden drehten.

Es war aber alles noch überschaubar und eine absolut fröhliche Stimmung. Bis zu dem Moment, als einer unserer Pressekollegen aus Richtung Eingang kam und völlig aufgelöst berichtete "Es soll schon 10 Tote geben".

Ich verließ die Pressebrücke und ging ins Hauptzelt, wo die Presseleute schon über Twitter, Facebook im Internet informiert wurden. Die grauenvollen Bilder die von Reportern von WAZ Gruppe und den Agenturen oder auch Bild  und anderen Medienvertretern jetzt eingespielt wurden,  haben mich völlig aus der Bahn geworfen. Es war ein Gefühlschaos, das ich gar nicht beschreiben kann. Dann ging es weiter "schon 15"  – "schon 17" – " jetzt 19 Tote".

Es war nur noch betretene Stimmung und Entsetzen über diese traurigen Tatsachen. Und es war außerdem bedrückend, dass direkt vor uns ahnungslose Raver jubelten und tanzten, während ein paar Meter weiter die Toten und Verletzten geborgen wurden. Aber irgendwo begriff man auch, das ein spontaner Abbruch evtl. weiteres noch größeres Chaos hervorgerufen hätte. So mußte man versuchen, mit der grotesken Situation fertig zu werden. Es war nicht wirklich möglich.

Viele unserer Pressekollegen mußten auf Anweisung ihrer Agenturen "vor Ort" gehen um Katasstophenbilder zu bringen. Wir brachen ab, verließen den Ort des Leids und fuhren gefühlsmäßig innerlich gelähmt nach Hause.

Aber im Herzen und Gedanken ist dieser Ort mit uns gezogen. Bis heute!!!! Seit Sonntag laufen auf unserem Fernseher sämtliche Sondersendungen über das Duisburger Drama. Freunde aus dem Pressebereich von uns sind gestern noch einmal an den Ort der Trauer gefahren und haben auch in unserem Auftrag für die Verstorbenen eine Kerze gezündet. Ein normaler Alltag ist immer noch nicht möglich, wie muß es des direkt Betroffenen erst zu Mute sein.

Unsere Gedanken sind bei den jungen Menschen, die auf solch eine unsinnige Weise ihr Leben verlieren mußten. Bei den Familien – wie sollen sie damit fertig werden – wie es begreifen, ohne zu wissen, warum es so passiert ist. Gedanken sind bei den vielen Verletzten, deren Zahl auch immer mehr angewachsen Ist !?! Gedanken bei denen, die Gott sei dank überlebten, aber dieses Grauen hautnah miterleben mussten. Gedanken bei den Helfern, die ebenfalls von den Ereignissen traumatisiert sein müssen, helfen zu wollen und nur begrenzt helfen zu können, oder schlimmer noch gar nicht.

Ich stehe völlig neben mir – immer noch.

Und trotzdem kommt irgendwie Wut auf über Verantwortliche und Veranstalter, die sich gegenseitig versuchen die Schuld zuzuschieben und auf Langwasser machen in der Hoffnung selbst evtl. unbeschadet daraus zu kommen.

Wut aber auch über diejenigen, die lapidar sagen "Sind ja alles nur Säufer und Drogensüchtige", "warum geht man überhaupt zu einer Massenveranstaltung" – Leute, die andere einfach verurteilen. Wer selbst dabei sein konnte – egal ob als Berichterstatter oder Raver/Besucher, der hat auch die unendlich vielen jungen Menschen gesehen, die einfach nur Spaß haben  und "ihre" Musik hören und tanzen wollten.

Und wenn irgendwann in den nächsten Stunden oder Tagen in meiner Gefühlswelt wieder der Alltag Einzug hält, dann wird dieses Erlebnis nur noch ein Schatten sein, aber ein Schatten, der in der Erinnerung immer irgendwie bleiben wird.

 

Linde Arndt von EN.Mosaik

 

3 Kommentare
  1. Annika Specht says:

    Es war grauenvoll. Ich werde diese Bilder nicht mehr los. Warum sind die Verantwortlichen nur so feige? Alles auf den anderen schieben ist doch keine Lösung. Haben die denn jetzt auch kein Gewissen?

    Annika Specht, Gelsenkirchen

  2. Peter Goch says:

    Wieder einmal ist es der blinde Gehorsam, der Menschenleben kostet. Ich habe einen Securitymann gebeten
    doch das Tor zu öffnen, damit keine Katastrophe passiert. Er hatte keine Anweisung. Funk gab es auch nicht.
    Man wartete das jemand kam und den Befehl zum öffnen gab.
    Wo war der “JEMAND”? Im VIP-Zelt ?

    Sind die Menschen durch Befehlsgehorsam gestorben und warum gab es keine Funkgeräte????
    Fragen über Fragen.

  3. Renate Kupsch says:

    Die Freundin unserer Tochter war da und ist jetzt im Krankenhaus bei den Verletzten. Sie ist völlig traumatisiert und weint andauernd. Anna, unsere Tochter, die erst sauer auf uns war, das sie nicht mit durfte, ist jetzt froh aber nicht glücklich. Denn ihre dauernden SMS mit ihrer Freundin belasten sie doch sehr. Sie möchte ihr gerne helfen, aber wie kann man das als Aussenstehender.

    Warum hat keiner der Verantwortlichen Mut und Courage endlich die Fehler einzugestehen? Von jetzt an werden wir immer Angst haben wenn Melanie zu größeren Veranstaltungen geht. Aber man kann dem Kind doch nicht alles verbieten. Was haben die Jugendlichen denn noch in der heutigen Zeit?

    Renate Kupsch aus Essen

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