Eine zweite Chance, der Drachenläufer

[jpg] Aus der Kindheit behält man viele positive Erlebnisse die in der Erinnerung eine gewisse Sehnsucht erwecken.

Eines dieser Erlebnisse ist das Drachen fliegen lassen, welches meistens in der frühen Herbstzeit des Jahres begann. Schreiners-Wiese, die Hardt oder der Scharpenacken in Wuppertal waren mit Dutzenden von Kindern mit ihren Drachen besetzt. Es war immer ein Wettbewerb um den schönsten, den größten Drachen unter uns Kindern.

Damals hatte die Sparkasse noch jedes mal einen Wettbewerb ausgeschrieben. Der Gewinner bekam ein Sparbuch mit 100,– DM. Der Ehrgeiz befeuerte uns um dieses Preisgeld zu bekommen. Aber es gab noch bessere Drachenbauer unter den Kindern. Die guten Drachenbauer waren deshalb auch immer gefragt, sollten sie doch ihre Tricks den anderen mitteilen damit diese selber einmal ein Gewinner werden konnten.

An diese Erlebnisse dachte ich als ich das Buch von Khaled Hosseini "Drachenläufer" in den Händen hielt.

Khaled Hosseini ist ein Afghane der 1965 in Kabul geboren wurde und 1980 mit seinen Eltern nach Amerika emigrierte.

Afghanistan, woran denkt man unwillkürlich? An ein Jahrhundert voller Kriege. Erst die Engländer, dann die damalige Sowjetunion und heute die USA mit ihren "Verbündeten". Wobei die letzten 30 Jahre ohne Unterbrechung gemordet, gebombt, geschossen und zerstört wurde.

1979 marschierten die Sowjets in Afghanistan ein um das kommunistische Regime zu unterstützen, dieser Einmarsch geriet sodann zu einem Stellvertreterkrieg. Die USA unterstützten die Gegner des Regimes und lieferten Waffen und Ausbilder an die damaligen Guerillas (Mudschaheddin). 10 Jahre dauerte der Krieg, dann zogen die Sowjets wieder ab. Nach einer kurzen Zeit des Bürgerkrieges übernahmen die Guerillas die Macht – die Taliban.

2001 marschierten in Folge des 9/11 Anschlages auf die Twin Towers die US Amerikaner mit ihren Verbündeten ein, setzten die Taliban ab und einen ihnen genehmen Präsidenten ein.
Es sind wieder 10 Jahre Krieg. Es wird weiter gebombt, geschossen und getötet. Nun sind sogar wir Deutschen mit von der Partie. Wir nennen es zwar keinen Krieg, aber auch wir töten und werden getötet. Wir nennen dieses Töten in Deutschland Wiederaufbauhilfe. Wenn man die Bilder von Afghanistan sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass dort so etwas wie Kultur überhaupt entstehen kann. Die Grundbedürfnisse der menschlichen Existenz bewegen die Menschen sicherlich den ganzen Tag. Nahrungsmittel, Bekleidung und ein Dach über dem Kopf, dies bewegt dort einen Menschen sicherlich mehr als lesen und schreiben.

Und doch ist dort ein Khaled Hosseini geboren und hat mit "Drachenläufer" einen Roman geschrieben den man mit den besten Erzählungen gleichsetzen kann.

"Komm nach Hause, Amir. Es ist Zeit. Du kannst es wiedergutmachen! " dieser Anruf aus der Heimat bringt dem jungen Amir, der nun in den USA lebt, seine ganze Kindheit wieder in Erinnerung.

Seine Freundschaft mit Hassan, einem jungen Hazara, (Angehöriger einer niedrigere Bevölkerungsgruppe) rückt mit diesem Anruf wieder in sein Bewusstsein.

Amir, ein Paschtune, hatte als Sohn eines reichen Vaters mit Hassan immer gespielt. Beide waren befreundet, wobei Hassan recht unbefangen alles anging und meistens auch alles ohne Probleme bewältigen konnte. Amir war da etwas anders, seine eher zurückhaltende Art ließ es nicht zu körperlich unter den Ersten zu sein – sehr zum Leidwesen seines Vaters Baba. Das Afghanistan in der die beiden Kinder aufwachsen ist ein patriarchalisches Land, die Paschtunen sind die herrschende Klasse und alle anderen Bevölkerungsgruppen sind ihnen unterlegen. Dem Vater ist unbedingter Gehorsam zu leisten. Hassan lebt mit seinem angeblichen Vater Ali im Hause von Baba.

In Kabul ist das höchste Spiel  für Kinder das alljährlich stattfindende Drachenfliegen. Bei diesem Drachenfliegen ist Regel, dass man die anderen Drachen zum Absturz bringt.

Der letzte Drache der zum Absturz gebracht wird, wird von dem der seinen Drachen noch am Himmel hat als Beute eingeholt. Dies geschieht dadurch indem die Drachenflieger immer zu zweit sind, wobei das zweite Kind der Drachenläufer ist.

Hassan hat den notwendigen Riecher und den Instinkt wo er den abgestürzten Drachen finden kann und gewinnt demnach in der Regel. Eines Tages bietet Hassan Amir jedoch an, für ihn den Drachen zu finden und ihm auf dem Weg zu übergeben, sodass  Amir als der Sieger da steht.

 
     Foto: Ronald Mitchell

Amir, der von seinem Vater Baba als etwas verweichlicht angesehen wird, würde durch solch einen Sieg in den Augen Babas an Ansehen steigen. Als die Zeit des Drachenfliegens wieder anstand setzen die beiden dies auch um. Auf dem Wege zur Übergabe wird Hassan von Assef einen Sadisten aus der Nachbarschaft mit seiner Gang aufgehalten und gestellt. Assef fügt Hassan schreckliches Leid zu, wobei seine Gang jede Gegenwehr von Hassan im Keime ersticken. Einige Meter weiter steht Amir unbemerkt um eine Häuserecke und sieht dem ganzen Treiben tatenlos zu. Er ist zu feige um seinem Freund Hassan zu Hilfe zu eilen. Von nun an begleiten Amir Scham- und Schuldgefühle. Hassan sagt er jedoch nicht, dass er dieser schändlichen Tat zugesehen hatte.

Die Beziehung zwischen Hassan und Amir hat von diesem Tage ihre Herzlichkeit für immer verloren.
Amir emigriert mit seinem Vater nach Amerika und führt in der afghanischen Kolonie ein angesehenes Leben. Beinahe hätte er  das Geschehene vergessen, bis eines Tages ein Telefonanruf des väterlichen Freundes Rahim Khan alles wieder in Erinnerung ruft: "Komm nach Hause, Amir. Es ist Zeit. Du kannst es wiedergutmachen! ". Er lässt alles zurück, seine Frau die er liebt und das amerikanische sichere San Francisco um seine Schuld wieder gut zu machen. Er reist in das von den Sowjets besetzte Afghanistan ohne zu wissen was ihn dort erwartet.

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, in der er viel über seinen Vater, Hassan und Ali erfährt. Und es ist eine Reise in die Zukunft, die ihm die zweite Chance eröffnet seine Schuld zu tilgen. Mit viel Geduld und viel Gefühl nutzt er diese Chance und es eröffnet sich ihm ein neues Leben.

Hosseini hat die Akteure des Romans mit einer Liebe ohne Gleichen gezeichnet. Ohne Probleme kann man sich mit den Akteuren identifizieren. Auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht den unseren entsprechen sind sie jedoch in dem Roman erträglich gezeichnet. Nicht das Afghanistan der Taliban oder der Sowjetbesatzer herrscht hier vor. Vielmehr schwingt immer eine gewisse Traurigkeit mit, die dadurch aufkommt, weil alle Beteiligten sich immer an ein Afghanistan erinnern welches in seiner Schönheit unvergleichlich gewesen sein sollte. Die Beziehungen der Akteure zueinander als auch die Charaktere sind in ihrer Umschreibung von einer Klarheit, die es einem leicht macht sie alle zu visualisieren.
Es ist ein schöner Roman, den ich gerne empfehle. Ich hatte ihn gerne in meinem Sessel an einen Sonntag gelesen, wobei ich das Mittagessen ausgelassen hatte.

Übrigens der Roman wurde inzwischen auch verfilmt. Der Regisseur Marc Forster hat ihn mit dem Titel "The Kite Runner " in englisch und dari gedreht. Er wurde danach auch in deutsch synchronisiert und lief  hier unter dem Titel "Drachenläufer".  Das Buch wurde 8 Millionen mal verkauft und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Neben dem Film wurde das Buch auch als Bühnenstück zur Aufführung gebracht.

"Drachenläufer" ist erschienen im:

  • Verlag: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag; Auflage: N.-A. (8. September 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-10: 383330149X
  • ISBN-13: 978-3833301490
  • Preis: € 10,50
  • 385 Seiten

Empfehlung:
Bücher Köndgen, Hauptstr. 54 – 56, 58332 Schwelm,  Tel. O2336-18682  Fax: 02336-83231

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Rezension von Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik

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