Die Welt bricht zusammen, kein Halt für niemand

 

Intendant Dr. Frank Hoffmann Foto: (c) Linde Arndt

[jpg] Man muss nicht Gott sein, um zu sehen, wie die Welt verrückt spielt. Die Headlines spucken einen Aufreger nach dem anderen aus. Hier den ungewollten aber gewählten US Präsidenten, der ohne Zweifel ein Rüpel ist. Dort die Auflösungserscheinungen der EU, dem 70 jährigen Friedensprojekt schlechthin. Und da, den mit Lügen inszenierten Brexit. Kriege die von Parteien geführt werden, die nur ihre neuen Waffen ausprobieren wollen. Geltungssucht, Machtgelüste, Menschenverachtung und Auflösungserscheinungen die vielen Menschen Angst machen. Orientierungslosigkeit an allen Orten. Die Beruhigungsgesten der Eliten funktionieren nicht mehr. Ängste breiten sich überall aus. Das Chaos und die Chaoten feiern ungetrübte und feierliche Urstände.

Aktuell wie kein anderes Festspielhaus, kommen die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit ihrer neuen 71. Spielzeit, die vom 1. Mai bis zum 18. Juni 2017 unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ unsere Welt künstlerisch reflektiert.

Und so wird der Intendant der Ruhrfestspiele Dr. Frank Hoffmann, wie seit 40 Jahren, mit einem Kulturfestival auf dem „Grünen Hügel“ die Festivalliebhaber*innen auf die folgenden Wochen einstimmen.

E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ unter der Regie von Robert Wilson (2013 | Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Jahrhunderthalle Bochum) wird den Anfang, also die Eröffnungspremiere machen.

Es ist eine Weltpremiere, Robert Wilson erarbeitet auch das Bühnenbild und das Lichtkonzept und es ist eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Düsseldorf.

E.T.A.Hoffmann hat einen Thriller geschrieben und würde heute ohne Problem mit diesem Genre Thriller mit halten können.

Es geht um Angst und Kontrolle, Realität und Wahn, Mensch und Maschine Verhältnis. Man merkt die Anspielungen auf die heutige Zeit, in der mittels Angst die Kontrolle über Menschen hergestellt wird oder werden soll. Die Rolle des Sandmannes, der den „Kindern“ Sand in die Augen streut. Diese Handlung des „Sand in die Augen streuen“ verdirbt die Seele des Menschen, denn die Augen sind die Tore zu unserer Seele.

Sicher wird es niemandem verborgen bleiben, dass „Sand in die Augen streuen“ nichts anderes bedeutet oder heißt, wie jemanden täuschen oder belügen wollen. Also hochaktuell, wenn wir die Wege von Trump, Boris Johnson oder Marine le Pen beleuchten –  aber sie stehen nur stellvertretend für Viele.

Regisseur Wilson hat aber noch ein Sahnehäubchen für dieses Stück parat. Anna Calvi, die britische Sängerin und Songwriterin, die mit viel Emotionen und Mut, offenherzig und leidenschaftlich mit ihrem Gesang und ihrem Gitarrenspiel, welches mit selbstbewussten Gitarrenläufen überzeugt, die Dramatik dieses Stück verstärkt. Es ist ein grausiges Stück, was „Kinder“ in ihren Bann ziehen soll, dann voller Ängste sie zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, „Der Sandmann“ wurde 1816 geschrieben und stellt doch gewisse Analogien zu der heutigen Zeit fest.

 

Reiner Hoffmann und Frank Hoffmann / Screenshot Linde Arndt

Und mit Hoffmann³ lesen der Intendant Dr. Frank Hoffmann und Reiner Hoffmann (DGB Vorsitzender) E.T.A.Hoffmann „Lebensansichten des Katers Murr“. Es ist ein Roman, voller Satire und handelt von einem Kater Namens Murr und dem Kapellmeister Kreisler. Ein muss für jedes heimische Bücherregal. In diesem Roman erzählt Kater Murr, ein narzistisches und eitles „Genie“, wie man sich in autodidaktischer Weise, zu einer gewissen Größe heranbilden kann. Herauskommt jedoch nur ein Kater Murr, der fett und feist seine eigentliche narzistische Verwirklichung findet. Er ist ein typischer Spießer der sich um sein kleines Leben in einer Endlosschleife dreht und zu Beziehungen unfähig ist.

Anders Kapellmeister Kreisler, er strebt nach einer Selbstverwirklichung die ihn im musikalischen Bereich unsterblich machen soll (Was menschlich ist). Er leidet jedoch an seiner Unfähigkeit zu genialer Größe aufzusteigen, ja, er ist noch nicht einmal in der Lage Ziele zu definieren . Im Grunde ist er das Alter Ego des Kater Murr. Man kann sich schon vorstellen, dass dieser Roman, gut gelesen, bei allen Beteiligten ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.

Ähnlichkeiten mit unseren heutigen Persönlichkeiten kann es sicher nicht geben, denn der Roman wurde 1819 und 1821 herausgegeben. E.T.A.Hoffmann kannte die heutigen Personen nicht. Oder doch?

Reden wir doch weiter über die Angst. Solange man von ihr redet, kann sie uns nichts anhaben, so sagt man. Der Schauspieler Mathias Brandt, Grimme- und Bambi Preisträger, hat sich mit dem mehrfach ausgezeichneten Pianisten Jens Thomas zusammen getan. Gruselige und nach Angst heischende Geschichten trägt Brandt vor um von Thomas musikalisch untermalt zu werden. Manchmal singen aber Brandt und Thomas zusammen, spontan, einfach so, nur zum Spaß. Beide sind inspiriert in einer konstruktiven Interaktion dem Publikum eine „schrecklich“ nette Vorstellung zu bieten. „Der Beifall toste nur so im voll besetzten Haus. Den brauchte man auch, um die Beklemmung abzuschütteln. „, so schrieb das Göttinger Tageblatt.

Berlin Alexanderplatz“ von Alfed Döblin, Regie und Bühne, Sebastian Hartmann, Deutsches Theater Berlin.

Ihnen ist die Globalisierung zuwider, die Zeiten zu schnell oder sie kommen einfach nicht mit?

Franz Biberkopf, dem Protagonist in „Berlin Alexanderplatz“, ergeht es genauso. Nach Jahren im Gefängnis kommt er in das Berlin der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts – die goldenen 20er.

Das gesellschaftliche Chaos was Biberkopf vorfindet, verunsichert ihn.  Lärm, Dreck, Verkehr, eine Vielschichtigkeit von Geräuschen und Eindrücken. Alles ist in Bewegung, nichts persönliches und keine soziale Bindung. Biberkopf möchte in der Metropole Berlin neu anfangen, anders und besser, sieht sich aber immer wieder vor einem Abgrund stehen und scheitert zwangsläufig. Er schließt sich wieder einer kriminellen Bande an, hier kennt er sich aus, hier sind die Regeln ihm bekannt. Aber auch hier muss er ein verändertes soziales Umfeld erkennen, er versucht sich dagegen zu stemmen und Orientierung zu erkennen. Er zerbricht.

Er landet in einer Irrenanstalt, wo er letztendlich geläutert wird. Biberkopf ist ein einfacher Mensch dem sein Scheitern auf der Stirn geschrieben steht, unfähig und unbelehrbar sieht der Zuschauer einen Menschen immer weiter sinken, bis von der Persönlichkeit nichts mehr übrig ist.

Hartmann inszeniert das Stück erfahrbar, indem er jedem die Frage aufgibt: Wie gestalte ich mein Leben? Hartmann hat in einem Interview gesagt: „Biberkopf steht auch beispielhaft für uns, für dich, für mich. Und steht für unsere Verzweiflung darüber, anständig sein zu wollen, in einer Ordnung leben zu wollen, es aber scheinbar nicht zu können.“

Sie merken geneigter Leser/User das diesjährige Festival dreht sich wieder einmal um uns, zeigt uns, es war alles schon mal dagewesen. Ob das nun die Angst ist, mit der wir immer wieder manipuliert werden sollen oder aber der Wandel und das quirlige Leben, was uns keinen Halt bieten will und auch nicht kann. Es liegt immer an uns, an unserem Geist, Willen, unserem Selbstvertrauen, wie und was wir einordnen wollen und können.

Maria Allnoch (RWE) und Intendant Dr. Frank Hoffmann stellen das Fringe-Programm 2017 vor Foto: (c) Linde Arndt

Das schräge Festival „Fringe“

 

Es war schon immer was besonderes über das Fringe Festival zu gehen, Eindrücke von ungeheurer Kraft, Harmonie aber auch Leichtigkeit zu erfahren. Bunt und leicht aber auch einladend geben sich die Künstler ihren Besuchern hin. Zum 13. male können wir wieder ein buntes Programm erleben.

Titi Tombe,Titi Tombe Pas“, ein Paar das schon beim großen Festival in Avignon auffiel.

Titi und Nana versuchen das Leben mittels des balancierens zu erklären. Die Welt im Gleichgewicht zu halten, ist das Ziel von Titi. Ist sie aber nicht – die Welt. Voller Liebe und Hingabe bringt Titi Tombe immer wieder die Welt ins Gleichgewicht.

Nana stolpert in die Welt von Titi und bringt alles durcheinander. Es entsteht ein wunderbares Programm über die Fragen des Lebens, viele werden beantwortet, wobei aber immer wieder neue Fragen von Nana gestellt werden, die Titi verzweifeln lassen.

Sehr große Poesie, mit viel Humor aber auch voller Spannung.

Finding Joy Vamos Theatre“, ein sehr berührendes Stück von und über ein ungleiches Paar.  Joy, 83 Jahre alt, verliert ihr Gedächtnis und findet zu ihrem viel jüngeren Enkel Danny. Danny wiederum ist ein Mensch der sich nicht richtig anpassen kann und ist darüber hinaus auch noch unstet. Danny will sich aber um Joy kümmern, die mit ihren 83 Jahren ihre Lebenslust immer noch in vollen Zügen genießt. Es ist ein wortloses Spiel von verlorener Vergangenheit und neu entdeckter Liebe zwischen zwei Menschen, die zu einem neuen gemeinsamen und erfüllten Leben finden. Man könnte meinen Demenz wäre irgendwie zwischen Gemütlichkeit und wunderbarer Welt angesiedelt, so schön ist diese Geschichte. Dieses Stück wurde 2016 mit Standing Ovation beim Edinburgh Festival bedacht. Es wird viel gelacht, geweint und am Ende gejubelt.

 

Wer sich Gefühle noch leisten kann, sich vielleicht verschämt eine Träne weg wischen kann und auch  manchmal noch lauthals loslachen kann, der sollte sich dieses Festival gönnen.

Wir haben jetzt einmal willkürlich ein paar Stück herausgenommen um ihnen, lieber User, einen gewissen Geschmack für dieses Festival zu geben.

Um ihnen aber einmal einen Überblick über die Größe dieses Festivals zu bieten führen wir nachfolgend die Daten über dieses Festival auf, welches doch in einer Reihe mit den großen und traditionellen Festivals, wie den Festivals in Avignon oder Edinburgh, steht.

In der Geschichte gab es immer die großen Umwälzungen, die mit einer Verunsicherung in den einzelnen Staaten und damit für den einzelnen Menschen einhergingen. Da gab es die Bauernaufstände, die französische Revolution, die russische Revolution, die mit unserer heutigen Zeit  vergleichbar sind. Darüber zu reflektieren und die Herausforderungen für jeden Einzelnen von uns zu erkennen, vermag dieses Festival mit seinen Spielen schon herüberzubringen.

 

Hier die nackten Zahlen des Ruhrfestivals Recklinghausen:

71. Ruhrfestspiele vom 1. Mai – 18. Juni 2017
13. Fringe Festival vom 23. Mai – 17. Juni 2017

 83 Produktionen im IN-Festival
189Veranstaltungen im IN-Festival
  10 Spielstätten

davon:

39 Produktionen zum Themenschwerpunkt
10 Uraufführungen
  1 Weltpremiere
  1 Europapremiere
  1 Deutsche Erstaufführung
  1 Deutschesprachige Erstaufführung
  5 Deutschlandpremieren
  4 Premieren der Inszenierung
18 Koproduktionen der Ruhrfestspiele
8 Kinder- und Jugendtheaterproduktionen
1 Open Air Konzert

Und die Zahlen für das Fringe Festival:

 25 Fringe Produktionen
122 Veranstaltungen
  12 Spielstätten

 

 

Infos:

 

Festspielkalender: https://www.ruhrfestspiele.de/de/festspielkalender/festspielkalender.php?r=1

Tickets: https://www.ruhrfestspiele.de/de/tickets/preise.php

Das Fringe Festival: http://www.fringefestival.de/de/download/rr_fringe_2016_web.pdf
    

 
Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Recklinghausen

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