Haben wir eine gemeinsame Zukunft?

[jpg] Manchmal habe ich das Gefühl ich werde fremd gesteuert. Da sehe ich in der Stadt in der ich wohne, wie fast alle damit beschäftigt sind die Zukunft der Stadt zu verspielen. Sich egoistisch in der Jetztzeit bereichern wollen ohne daran zu denken, dass spätere Generationen noch hier leben müssen.
Und dann? Dann bekomme ich einen Termin für einen Kongress auf den Tisch, der sich mit eben der Zukunft und deren Gestaltung befasst. Auf der einen Seite Selbstaufgabe zum Preis eines kurzen egoistischen Vorteils in der Gegenwart und auf der anderen Seite hunderte Köpfe die sich brennend mit unserer Zukunft befassen.
So besuchten wir das Pressegespräch der Stiftung Mercator in der Wolffs Lounge der Philharmonie in Essen. "Our Common Future"  ist eines der sieben Projekte der Stiftung Mercator im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. Es sollte ein wissenschaftlicher Höhepunkt werden, welcher auch als  erstes Fazit des Kulturhauptstadtjahres anzusehen ist.

Unsere Gesprächspartner waren:

Dr. Norbert Lammert, Präsident des deutschen Bundestages
Dr. Bernhard Lorentz,Geschäftsführer der Stiftung Mercator
Dr.h.c. Fritz Pleitgen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH

Moderation und Kommunikation: Christiane Duwendag

        
  v.l.n.r: Christiane Duwendag / Dr. Bernhard Lorentz/ Dr. Norbert Lammert/ Dr.h.c. Fritz Pleitgen  

Die Mercator Stiftung hatte sich in viele Projekte des Kulturhauptstadtjahres mit über 3 Mio. eingebracht und wollte hier eine erste Bilanz ziehen. Aber nicht nur das, vielmehr will man einen Blick in die Zukunft werfen. Die nächste Dekade muss geplant werden, auch im Hinblick auf das weitere Vorgehen im Zusammenhang mit der Metropole Ruhr. "Our Common Future"  ist ein Kongress der mit 200 Referenten den Versuch unternimmt gestaltende Vorgaben zu machen. Die Stiftung fokussiert auf zwei große Themenbereiche, einerseits Klimawandel und andererseits Integration und Migration.

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In Hannover hat der Kongress parallel als Nachfolge der Expo begonnen, in Essen betrachtet man diesen Kongress als  Nachfolge nach dem Kulturhauptstadtjahr. Strategisch muss die Umwandlung der Ruhrregion weiter entwickelt werden. Jedes Jahr wird die Mercator Stiftung 20% des Förderkapitals in die Region stecken. Ziel wird es sein, eine Wissensplattform aufzubauen, die im Jahre 2020 die hellsten Köpfe der Welt anzieht.
Pleitgen betonte, dass das Projekt "Our Common Future" ein Höhepunkt am Ende des Jahres darstellt. Es passt haargenau in das Kulturhauptstadtjahr, dass im Rahmen dieses Kongresses mit dem  Projekt "Global Young Faculty" eingeht. Die rund 100 Nachwuchswissenschaftler aus der Metropole Ruhr präsentieren auf diesem Kongress ihre ersten Forschungsergebnisse hochrangigen Wissenschaftlern des In-und Auslandes aus den Arbeitsgruppen Klima, Technologie, Kultur und Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit. Das Kulturhauptstadtjahr wird mit diesem Kongress eine Tür aufmachen, die weit in die nächsten Jahre geöffnet sein wird. Die Metropole Ruhr wird letztendlich auch ein Wissenschaftsstandort sein, wobei die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR), das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) neben der Mercator Stiftung starke Kooperationspartner sind.

Das 10 Mio. Besucher die Veranstaltung besucht haben sei nicht so wichtig, vielmehr sei es wichtig, dass die Bevölkerung sich so eingebracht hat in ihre Metropole. Jetzt sollte am Ende des Jahres eine Diskussion angestoßen werden, über die Bedeutung der Kultur in dieser Metropole.

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Bundestagspräsident Norbert Lammert unterstrich, dass das Kulturhauptstadtjahr sowohl von innen als auch von außen sehr positiv wahrgenommen wurde. Die Öffnung und die Inszenierung der Metropole Ruhr war und ist ein Ereignis, welches seines gleichen sucht. Erstmals haben alle Kommunen es fertig gebracht sich gemeinsam zu präsentieren, dadurch wurden Potenziale sichtbar, die in der Wahrnehmung so nie vermutet wurden. Dadurch hat die Region überzeugt. Damit hat sich aber auch die Region von seiner industriellen Vergangenheit verabschiedet. Aber sie hat sich damit nicht aufgemacht zu einer Verlängerung der Vergangenheit. Der Kongress als solches sollte nicht der Schlusspunkt sein, vielmehr stellt er einen Doppelpunkt dar der einen Aufbruch in die nächste Dekade vermitteln soll.

Die Frage was in den 10 Jahren bis 2020 passieren sollte kann nur so beantwortet werden, indem nur noch auf Kooperationen der Städte und Kreise eingezahlt wird. Denn die Kooperationen und das hinten an stellen des Lokalpatriotismus hat erst die Stärke der Region hervorgebracht. Die Finanzierung der weiteren Aktivitäten, die von einer "Basisstation" organisiert werden müsste, sollte vom Land, den Städten, den Kreisen und dem Regionalverband plus den ergänzenden Aktivitäten der Stiftungen und Privatunternehmen erfolgen. Die Mittel werden sicherlich keine übermäßige Belastung der einzelnen Teilnehmer der öffentliche Hand sprengen, so Norbert Lammert.

Was die Metropolen im Rheinland angeht gab es gemeinsame Aktivitäten, die in Zukunft auch weiter verfolgt werden. Kooperationen soll es nicht nur innerhalb der Metropole geben, Kooperationen kann und wird es auch von Metropole zu Metropole geben.

Es war ein schwieriges Wochenende, war doch am 6. November der ganztägige Finanzausschuss in Ennepetal. Als ich jedoch morgens in den Ratssaal kam und diesen alten Raum, mit furnierten Spanplattentischen sah, die Tagesordnung durchlas und merkte hier ist alles abgefahren, fiel es mir leicht wieder nach Essen zu fahren um dem Kongress zu folgen. Themen wie Migration, Integration, Netzwerke und deren Entwicklung oder die Dynamik der religiösen und politischen Konflikte, alles Workshops mit hervorragenden Köpfen die ihre Keynotes vortrugen.

Hier offensives Vorgehen an Probleme, kämpfen um bessere Lösungsansätze und innovative Denkansätze die jeden in den Workshops herausfordern und in Ennepetal das gemeinsame Sparschweinschlachten in einem Ratssaal der mit Möbeln wie aus dem Sozialkaufhaus ausgestattet zu sein scheint. Irgendwie kam mir das so vor wie, dort Rinderfiletspitzen und hier dreimal aufgewärmte Erbsensuppe. Und dann dieses träge Denken und diese offensichtlichen Denkverbote die fast einer mentalen Retardierung entsprechen. Die Unterschiede konnten nicht größer sein.

Und das schlimme daran, man sieht kaum jemanden in Ennepetal der offensiv die Probleme der  Zukunft meistern will. Wegducken und aushalten ist die erste Devise.

Migration und Integration, mein Gott, das Thema der Zukunft schlechthin, der Kampf um die klügsten Köpfe der Migranten in unserem Lande. Gemäß des renommierten Prognoseinstitutes ist die Fertilitätsrate in einigen Städten auf unter 1,0 gesunken. Junge leistungsfähige Menschen verlassen die unattraktiven Städte ihrer Eltern. Zunehmend beschleunigt sich der demografische Wandel in einigen Städten. Migranten könnten die Lücken schließen, nur in den meisten Städten fehlen die Konzepte um Migranten zu integrieren und damit zu binden. Gut ausgebildete Migranten wandern aus, weil sie sich hier nicht akzeptiert fühlen. Bei den türkisch stämmigen Migranten wandern mehr aus als hier einwandern. Und in Ennepetal (aber nicht nur hier) wählt man einen Integrationsrat der mit Köpfen ausgestattet sein wird, die dem alten Denken verhaftet sind. Wie sagte Cosimo Palomba in einem Vortrag auf dem er seine Vision 2025 vorstellte? Wir müssen uns damit abfinden, dass wir morgen nur noch alt und weniger sind. Aufgabe als Zukunftsplanung? Eine gemeinsame Zukunft in den Alten- und Pflegeheimen? Das kann es doch nicht sein:

Ennepetal hat eine Zukunft, aber doch nur wenn die dementsprechenden Weichen gestellt werden. Die Untersuchungen des Prognoseinstitutes haben gezeigt, dass Ennepetal in einem Gebiet liegt welches auf eine Ausrichtung wartet. Diese Ausrichtung kann sowohl in Richtung einer sterbenden Stadt als auch in die einer prosperierenden Stadt vorgenommen werden.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Essen

[alle Fotos: © Linde Arndt]