Es ist Krieg, es ist Krieg, es ist Krieg!

[jpg] 37,38,39 deutsche SoldatInnen sind nun in Afghanistan getötet worden, von Verletzten, "Verkrüppelten" und Traumatisierten wollen wir mal nicht sprechen. Die Sprachregelung lautet allerdings, "ist gefallen". Gefallen, wie aus Versehen über einen Stein gestolpert und dann hin gefallen. Eine verharmlosende Umschreibung des Tötens im Krieg. Verletzte, "Verkrüppelte" und Traumatisierte werden in diesem Zusammenhang so behandelt, als hätten sie eine Magen-Darm-Verstimmung. Tot ist also besser, sichert es doch den Betroffenen eine getrübte Öffentlichkeit. Und Politiker aller Couleur können sich besser in Szene setzen. Macht ja auch Sinn. Denn vor drei gut aus dekorierten Särgen kommt man besser an, als neben einem gelähmten oder traumatisierten Bundeswehrangehörigen.

Nur, was geht uns das an, es sind nicht unsere Kinder, Brüder, Väter oder Verwandten, wir sitzen hier und sehen auf unsere Vorgärten und erfreuen uns an den blühenden Blumen.

Und im übrigen, Politiker und unsere Beamten haben für uns die Losung heraus gebracht, es ist kein Krieg. Es ist so was wie eine Hilfeleistung für die Afghanen, eine Art technische Hilfsleistung für den Aufbau eines funktionierenden Staates.

"Es gehe um den zivilen Aufbau, um  ‚vernetzte Sicherheit’. Das Wort ‚Krieg’ setze da einen völlig falschen Akzent." (Jung, Spiegel, 29.6.2009).

Und heute, nach dem 39. Opfer? Die Kanzlerin und der Verteidigungsminister sprechen von, es könnte Krieg sein oder nur ein bisschen Krieg, man habe Verständnis wenn dies jemand Krieg nennt.
Aber alle Politiker sind sich einig, die SoldatInnen sollten von der deutschen Bevölkerung eine größere moralische Unterstützung, Rückendeckung, erfahren dürfen. Die Bevölkerung ist nämlich mehrheitlich, und zwar mit großer Mehrheit, sicher, dass unsere SoldatInnen nichts aber auch gar nichts in Afghanistan zu suchen haben. Und das behagt unseren Politikern nicht, dieser fehlende Rückhalt in der Bevölkerung.

Warum aber darf dieser Krieg nicht Krieg heißen? Diese Unredlichkeit und Unehrlichkeit unserer Politiker treibt sowohl die SoldatInnen als auch die Bevölkerung zur Verzweifelung und letztendlich in die Politikverdrossenheit.

Krieg darf es bei uns Deutschen deshalb nicht heißen, weil wir keinen Angriffskrieg führen dürfen, weil uns das Grundgesetz das verbietet. Deshalb auch der Verteidigungsfall den die Nato seinerzeit ausgerufen hatte. Man hatte das einfach umgedreht, die Afghanen haben die USA angegriffen, also müssen wir uns verteidigen. Tatsächlich waren es aber Verbrecher die den 9/11 Anschlag verübt hatten. Gute Polizeiarbeit hätte das sicher verhindern können, wie sich später auch herausstellte.

Krieg darf es bei uns nicht heißen, weil die getöteten und verletzten SoldatInnen keinen Versicherungsschutz hätten, die das ganze Tun als Arbeitsunfall herabstuft. Nur zunehmend wollen die Versicherer nicht mehr mitspielen.

Krieg darf es deshalb nicht heißen, weil sonst die Gegner, die Taliban, als sogenannte Kombattanten nach der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention einen besonderen Schutz genießen würden. So werden alle kurzerhand zu Verbrechern oder bei den USA als feindliche Kämpfer eingestuft. Und mit denen kann man machen was man will – macht man auch.

Nun lassen wir das einmal alles beiseite und fragen, was haben unsere SoldatInnen in den nun fast 9 Jahren in Afghanistan erreicht? Was hat sich in Afghanistan verändert? Es kann ja sein, die SoldatInnen haben, für uns nicht sichtbar, einen nunmehr vorzeigbaren Staat aus der Taufe gehoben.

Wenn man sich die Bilanz ansieht, muss man als Demokrat erschrecken. Es hat sich nichts geändert, eher ist alles noch schlechter geworden.
Afghanistan war vor dem Einsatz der Nato mit Beteiligung der Bundeswehr ein feudaler, totalitärer Staat unter der Herrschaft eines Mullah Omar. Mullah Omar ist verschwunden, jetzt haben wir einen Präsidenten Karsai, der in der Hauptstadt herrscht. Im Lande selber herrschten die Stammesführer, die auch Recht und Gesetz waren und heute noch sind. Recht und Gesetz ist in Afghanistan eine Frage des Geldes. Hat man genügend Geld, steht das Gesetz auf Seite des Geldgebers. Vor dem Krieg war der Schlafmohnanbau (Heroin) durch die Taliban (!) aus religiösen Gründen auf ein Minimum gesunken, er war schlicht  verboten. Nach dem Einmarsch der Nato wurde der Mohnanbau wieder hochgefahren, so dass heute Afghanistan rund 95% des Rauschgiftes auf dem Weltmarkt abdeckt.

Vor dem Krieg hatten die Frauen keine Rechte, sie mussten gemäß der alten Stammesbräuche sich mit einer Burka, einem Vollschleier, bekleiden. Sie waren rechtlos, man durfte sie treten und auch nicht gerade zimperlich behandeln. Heute ist das, bis auf wenige Ausnahmen, nicht anders.

Die letzten Wahlen sind in größerem Ausmaß gefälscht worden, so die Wahlbeobachter. Eine Wahlwiederholung wurde erst gar nicht mehr gemacht.
Der Beamtenapparat und die Politiker sind überwiegend korrupt.

Die Bilanz sieht für die Bundeswehr als demokratische Armee desaströs aus. Warum sollte unter diesen Umständen ein Bürger für diesen Krieg, der kein Krieg sein soll, sein? Und weiter, sind die 39 toten Menschen nicht genug? Sind das nicht 39 Menschen zuviel? Nur unsere Politiker wollen die Realität nicht akzeptieren, sie üben sich in Bündnistreue, koste es was es wolle.

Denn alle Beteiligten sind sich klar, dieses Land ist nicht zu befrieden. Es wird immer auf Grund seiner archaischen Strukturen nicht einmal im Ansatz eine Demokratie werden können.

 

Und es kommt noch dicker. Die Afghanen betrachten die Nato, auch die Bundeswehr, als Besatzer und verbünden sich zunehmend mit den zurück gekehrten Taliban.

Und noch einmal. Wieso sollte ein Bürger unsere SoldatInnen in Afghanistan unterstützen? Man kann die SoldatInnen bedauern, bemitleiden oder ihre berechtigte Wut begleiten. Warum? Weil sie auf das Geschwafel ihrer Vorgesetzen und unserer Politiker gehört haben und immer noch hören müssen.

Es wird Zeit für mehr Ehrlichkeit, es wird Zeit das dieser Krieg auch Krieg genannt werden darf, ohne wenn und aber. Und es wird Zeit, sich einzugestehen, dieser Krieg ist verloren. Jeder Soldat der getötet wurde und getötet wird, ist für eine schlechte Sache gestorben. Es war nicht von Anfang an sichtbar, jedoch heute ist es für jedermann sichtbar. Denn an Demokratie, Menschenrechte, Schulen, Brunnen und – nicht zu vergessen – die Errungenschaften des Feminismus glaubt auch das "umgangsprachliche" Wahlvieh nicht mehr.

Die Bundeswehr sollte sich zu schade sein, eine korrupte Zentralregierung zu stützen, die nur auf die Hauptstadt Kabul beschränkt und noch nicht einmal demokratisch legitimiert ist. Oder die auf die vielen Stammesfürsten beschränkt ist, deren einzige Einnahmequelle der Heroinanbau ist – dies sollte auch nicht als Argument gelten.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik