Bemerkungen zu einer Pflanze

[jpg] Nein es müssen nicht immer spektakuläre Ausstellungen wie die ehemals gezeigten Werke von Auguste Renoir oder Claude Monet sein. Es geht noch etwas feiner und zarter,  was war vor dem von uns heute bewunderten Gemälden der großen Meister?

Nun, es waren die Skizzen oder Zeichnungen welche die einzelnen Künstler anfertigten. Und diese Zeichnungen sind die Gedanken, oder die "Dinge im Kopf", wie es Cragg nennt, die in den meisten Fällen auf  Papier gebannt werden. Ich kannte Künstler, die haben auf der Rückseite einer Streichholz- oder Zigarettenschachtel gemalt. Ein mir bekannter Maler meinte, es bricht eben aus mir heraus. Es wurde danach nicht unbedingt ein Gemälde bzw. Kunstwerk, es konnte aber eines werden. Viele Künstler machten diese Zeichnung hinterher zu einem eigenen Werk um es zu verkaufen. Aber in der Regel waren es spontane und eigenständige Artefakte die, wenn man so will, teils nicht weiter verfolgt oder teils auch wieder aufgenommen wurden.

       
   v.l.: Dr. Gerhard Finckh, Direktor des Von der Heydt Museums, / Julia Klüser / Verena Klüser / Bernd Klüser / Foto: copy Linde Arndt
 

Und so hat sich die Galeristen Familie Klüser aufgemacht diese Zeichnungen zu sammeln. Zuerst fanden die modernen Maler die Aufmerksamkeit der Galeristen. Später wurde die Sammlung ausgeweitet auf die alten Meister. Mit der Zeit und der Erfahrung stellte die  Galeristen Familie Gemeinsamkeiten zwischen den Zeichnungen der alten und modernen Künstler fest. Die Striche, ob zart und leicht oder hart und breit, die Schattierungen, die Abstufungen, die Konturen oder auch der Abstraktionsgrad, dies findet man sowohl bei den alten als auch bei den zeitgenössischen Meistern.

220 Zeichnungen sind es die die Galeristenfamilie mit dem von der Heydt Museum in verschiedenen Blöcken ausstellt um diese Zusammenhänge aufzuzeigen. Es sind jedoch noch einige Zeichnungen die es noch zu sehen geben könnte, nur der Besucher wäre überfordert von dem weiten Rahmen. Und es ist die  erste Ausstellung für diese Zeichnungen und das in Wuppertal.

Bernd und Verena Klüser wollen damit ihre Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Wuppertal und dem von der Heydt Museum zeigen.

Bernd Klüser hat im damaligen Elberfeld am und im Von der Heydt Museum seine Liebe zur Kunst entdeckt. Es war eine andere Zeit in Elberfeld, das Schauspielhaus war noch an der Bergstrasse. Es gab offene Künstlerkreise die miteinander diskutierten und sich unterstützten. In dem Bereich hatte die damalige Jugend jede nur erdenkliche Inspiration bekommen. Und heute? Das Theater soll eingestellt – Kultur soll klein geschrieben werden. Das nur so am Rande. Heute hat die  Familie Klüser in München Fuß gefasst und betreibt dort zwei Galerien.


Paul Klee 1934,
Bemerkungen zu einer Pflanze
 

Ach ja der Titel, "Bemerkungen zu einer Pflanze" von Paul Klee, was hat er zu bedeuten? Künstler "sprechen" mit ihren Werken, es ist ein Dialog. Und ich könnte mir vorstellen, wie Paul Klee mit dieser Pflanze gesprochen hat und dabei diese Zeichnung anfertigte und in eines seiner späteren Werke hat einfließen lassen.

Diese Zeichnung hat aber ihren besonderen Reiz. Zeichnet diese Zeichnung doch das Galeristenehepaar Klüser mit ihrer Klugheit beim Sammeln aus.

Denn die geistige Verwandtschaft Klees mit Beuys zeigte sich bei einem zufälligem Treffen zweier Ausstellungen im Lenbachhaus 1979. Beuys sah dort die Bilder Klees und fand die Gemeinsamkeiten im Zusammenhang mit der Betrachtung über die Ganzheit der Natur.

 

"Ein Fetzen Gemeinsamkeit" hieß folgerichtig auch eine spätere Ausstellung 2000 auf Schloss Moyland  im Kreis Kleve.

Soweit zu dem Gedanken, die Zeichnung sei als Vorstufe eines späteren Werkes anzusehen.

Und so fügt sich alles folgerichtig zusammen, indem das Galeristenpaar Klüser einen großen Block an Beuyszeichnungen gesammelt hat und einzelne Zeichnungen der anderen Meister zuordnete um die geistige Verwandtschaft, auch in handwerklichem Sinne, aufzuzeigen.


Théodore Géricault (1791 – 1824), Gretchen im Kerker
  Wenden wir uns dem zweiten aber nicht letzten Aspekt zu. Zeichnungen als eigenständige Werke.

Géricault ein Zeitgenosse von  Delacroix und Daumier fertigte hier die Zeichnung "Gretchen im Kerker" an. Zugrunde liegt hier das Faustdrama von Goethe.

Vor den Füßen liegt das getötete Kind und man erkennt schon an der Haltung, dass Gretchen  dem Wahnsinn verfallen ist.

Gretchen erwartet ihren Henker, also den Tod, was durch den schwarzen Hintergrund angekündigt wird. Gretchens Unschuld, durch das nach beige hin aufgetragene Weiß, widerspricht die Körperhaltung. Der Blick ist auf das am Boden liegende Kind gerichtet, der Körper jedoch nach hinten geneigt, so als will sie sagen: Was habe ich getan?

Gretchen hat sich mit ihrem Schicksal, dem Henkerstod, abgefunden und ist von Faust schon längst verlassen.


   

Géricault zeigt hier seine angeeignete Fertigkeit Körper in realistischer Weise darzustellen.

Es ist aber auch noch ein dritter Aspekt dieser Ausstellung festzuhalten. Die alten Meister des 16. und 17. Jahrhunderts mit der Moderne in Beziehung zu setzen. Man sieht dies erst auf den zweiten Blick und ich muss gestehen, ich bin beim ersten mal zu schnell bei der Betrachtung der Werke vorgegangen. Machen sie nicht den gleichen Fehler, gönnen sie sich die Zeit um die wunderbaren Verbindungen zwischen den einzelnen Meistern zu erkennen. Es ist pure Kunstgeschichte die Bernd und Verena Klüser gesammelt haben.

Es ist auch ein Universum der verschiedensten Zeichnungen das, genauso wie Arno Schmidts "Zettels Traum", auf eine subtile innere Gemeinsamkeit hinweist. Die Sammlung in ihrer Zusammenstellung leitet, nimmt einen an die Hand aber –  und das ist das Spannende  – bringt einen auf Verbindungen die man so nicht gesehen und geahnt hat – man ist außerordentlich überrascht.

Die Ausstellung ist aber damit noch nicht zu Ende, es gibt da noch eine besondere Gabe die man so nicht erwartet hat.

  Jorinde Voigt, die Otto-Dix Preisträgerin von 2008, stellt unter dem Titel "Nexus" ihre großformatigen Zeichnungen aus. Teilweise sind sie eigens für diese Ausstellung angefertigt worden.

Geschwungene Linien, Pfeile, Fußstapfen, Zahlen, Sätze, Anweisungen, Worte oder Verweise, dies sind die Zeichnungen mit denen man sich konfrontiert sieht. Ein Code!

Genau, es sind codierte Zeichnungen die etwas sichtbar machen, was so nicht sichtbar ist.

Zuerst weigert man sich in die Fülle der Informationen  der gesehenen Zeichnungen hineinzuversetzen. Und doch lässt es den Betrachter nicht los. Den Code  "knacken"?

 Jorinde Voigt vor einem ihrer Werke
Foto: © Linde Arndt
   

Nein, es ist einfacher als man denkt. "Adlerflug" in Beziehung zur Windrichtung, der Himmelrichtung und der Windstärke. Die Darstellung auf Papier mittels Tinte und Bleistift, als gerichtete Bewegung ergibt eine Zeichnung. Diese Zeichnung hat eine innere und äußere Ästhetik, die den Betrachter in seinen Bann zieht.

Nexus I (Horizont; mögliche Farben des Horizonts; Position; Himmelsrichtung; Melodie; Zäsur; Territorium, Zentrum; Öl; Wasser; Konstruktion; Dekonstruktion; Airport, N; S; W; O; Externe Zentren; Rotation; Kontinentalgrenzen)

Diese Parameter wirken auf Voigt in ihrer Wahrnehmung wobei sie die Zusammenhänge aufzeichnen will. Diese Aufzeichnung ergibt eine Struktur die eine Verbindung eingeht. Die Endstruktur ergibt nunmehr das Werk. Auf dem Papier entsteht ein riesiges Energiefeld welches sich aus scheinbar willkürlichen Verbindungen speist.  Die Quellen dieser Linien oder Zeichen können unterschiedlicher Natur sein.Letztendlich bilden sich auf dem Papier neue Wirklichkeiten die von anderen Wirklichkeiten abgeleitet sind. Voigt ist dabei stückweit ein Transformator oder eine Verschlüsselungsstation.

Eine Melodie löst eine Bewegung aus, diese wiederum eine Richtung, eine gewisse Zeit, die wiederum etwas anderes benötigt oder aber auch auslöst. Es klingt wie eine Versuchsanordnung verschiedener Elemente, die sich berühren und wieder lösen.

Unwillkürlich denkt man an die Fraktale der Mandelbaum-Menge, an die Chaosforschung und damit an die Geschichte von dem Schmetterling der mit seinem Flügelschlag in Südamerika einen Orkan in Europa auslösen kann. Voigst Werke erscheinen undenkbar und doch zieht uns Voigt mit ihren Werken und deren Inhalte auf eine Basis die Vertrauen erzeugt und uns das Denken mit ihren "Apparaten" erleichtert. Mir ging bei der Betrachtung das Hauptwerk Aristoteles über die Physik (Band IV) durch den Kopf, die Bewegungs- oder die Zeitdefinition. Es ist schon komisch auf welche Gedanken man kommt  wenn man sich in ein Kunstwerk versenkt.

Zur  Eröffnung der Ausstellung sprach Dr. Gerhard Finckh, Direktor des Von der Heydt Museums,
die Einführungsrede hielt Dr. Michael Semff, Leiter der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

Zur Ausstellung "Zettels Traum" ist ein zwei Bände umfassender Katalog mit zahlreichen Abbildungen, einem Interview mit Bernd Klüser, einem Einführungstext von Dr. Michael Semff mit dem Titel "Die Zeichnungssammlung Bernd und Verena Klüser, Band I und Band II erschienen. Die beiden Bände können im Shop des Von der Heydt Museums erworben werden.

Sicherlich werden diese beiden Bände zu einem Standardwerk für Zeichnungen avancieren.

Zur Ausstellung "Nexus" Jorinde Voigt  ist selbstredend auch ein Katalog erschienen, der von Julia Klüser herausgegeben wurde.
Die Texte hierzu wurden von Andreas Schalhorn und Lisa Sintermann verfasst.
Der Katalog hat 144 Seiten, mit 200 farbigen Abbildungen

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Wuppertal.


Info

"Zettels Traum" –
Die Zeichnungssammlung Bernd und Verena Klüser
15.3.2011 – 19.6.2011

Von der Heydt-Museum
Turmhof 8
D – 42103 Wuppertal
Telefon  0202 – 563 2500
Telefax  0202 – 563 8091
von-der-heydt-museum@stadt.wuppertal.de
www.von-der-heydt-museum.de

Öffungszeiten:

DI – SO 11 bis 18 Uhr
      DO 11 bis 20 Uhr
      MO geschlossen

 


Hier unsere Galerie von der Vernissage und Ausstellung im von der Heydt-Museum Wuppertal.

 

{Fotos © Linde Arndt]

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