Bedenken gegen ein „weiter so“ in Schwelm

 

Heimatfestzug 2014  Foto: Archiv EN-Mosaik

Heimatfestzug 2014 Foto: Archiv EN-Mosaik

 

[jpg] Schwelm und sein Heimatfest hat Tradition mit einem nicht zu verachtenden Imagefaktor.
Als ich das erste mal als 16 jähriger das Heimatfest mit meinen Kumpeln besuchte, staunte ich über den Verkäufer für türkischen Honig. Er saß damals an der Ecke Moltkestraße/Neumarkt und verteilte gegen einen geringen Betrag diese Süßigkeit. Oder der „billige Jakob“ der vor Blumen Kleine seinen Anhänger aufgebaut hatte. Lautstark wusste er seine Waren dem Kirmespublikum anzupreisen. So was hatten wir in Elberfeld nicht. Dem ersten Heimatfestzug den ich damals besuchte, konnte ich nur in der Viktoriastraße trotz meiner alles überragenden Größe von 1,90 m aus der vierten Reihe zusehen, andernorts war kein Platz mehr frei. Wir fuhren damals mit der Straßenbahn bis zum Kreis und machten das Heimatfest bis Ende der 60er „unsicher“, so wie es sich in dieser Altersgruppe gehörte. Der Heimatfestzug hatte damals weit über die Grenzen von Schwelm einen sehr großen Zuspruch und fand in vielen Kalendern einen festen Eintrag.

Für Schwelm ist das Heimatfest ein soziales Event, stärkt es doch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schwelmer, dadurch ergibt sich eine hohe Identifikation, die über die Nachbarschaften immer wieder konditioniert wird.
In den letzten 3 Jahren beobachteten wir das Heimatfest genauer und stellten einen erhöhten Reformbedarf fest. Die Inhalte sind zwar noch vorhanden, nur sie werden nicht mehr zeitgemäß kommuniziert.

Der Heimatfestabend 2014 war nur zu zwei Dritteln besucht (Dies bei der letzten Beobachtung in der Eventhalle der Firma Ercelic). Durch die geringe Besucherzahl können sicher nicht die Bühnendarbietungen vergrößert werden. Auch fehlt es an Geld um eine adäquate Bühnendekoration zu erstellen. Und zu guter Letzt, die Bühne ist zu groß wenn kleinere Gruppen ihre Darbietungen vorführen. Hier müsste Abhilfe mit Dekoration oder Beleuchtung geschaffen werden.

Heimatfestabend 2014 in der Eventhalle  Foto: Linde Arndt

Heimatfestabend 2014 in der Eventhalle Foto: Linde Arndt

Beim Festzug konnten erhebliche Lücken in den Besucherreihen registriert werden, in der Regel sah man eine Besucherreihe, jedoch nicht durchgängig. Da nützt es nichts wenn man sich mit 25.000 Besucher in den Printmedien wiederfindet. Hochschreiben sollte man unterlassen, dies verhindert nur eine reale Einschätzung der Situation und den Druck auf den Reformbedarf.

Keine Frage sind die Bewohner Schwelms hoch motiviert ihr Heimatfest zu erhalten. Nur wenn es zur aktiven Teilnahme geht, erkennt man nur noch einen geringen Bevölkerungsanteil der belastet werden kann. Spaß wollen alle haben, nur für den Spaß etwas zu tun, ist halt eine andere Sache. Sicherlich ist das auch der Zeit geschuldet, denn die Nachbarschaften waren zuerst ein Zusammenschluss von Menschen, die sich gegenseitig helfen wollten. Ein uralter Gedanke von Gemeinwohl. Nur unsere heutige Zeit hat diesen Gedanken konterkariert, der Egoismus bringt dem Einzelnen mehr Vorteile als der Altruismus. Flankierend konnte man beobachten wie die Einwohnerzahl Schwelms von ehedem rund 34.000 auf heute rund 28.000 Einwohner zurück ging.
In dem von mir angesprochenen Zeitraum kann man sicher von einem signifikanten Rückgang der Besucher sprechen. Wenn man die Aktiven des Heimatfestes sieht, so sieht man, sie sind in die Jahre gekommen. Was fehlt ist der Nachwuchs. Nehmen wir einmal Irmgard Weinreich und Eugen Dittmar die mit ihrem Schwelmer Dialekt das Publikum hervorragend unterhalten. Nur wer will heute noch Schwelmer Dialekt sprechen? Wenn man so fragt, sicher niemand. Die Aussage ist, die Jungen wollen nur noch Hochdeutsch. Das stimmt zwar, nur warum freuen sich auch die jungen Menschen an Irmgard Weinreich und Eugen Dittmar, wenn die ihre Sketche vortragen? Eine weitere Aussage, die Jungen wollen keine zweite Sprache erlernen, die ihnen nichts bringt. Auch hier sollte man sich einmal dem Gebrauch der „Kanak Sprak“ zuwenden. Diese Sprache, ein Sprachphänomen, wurde von Jugendlichen erlernt, weil ihnen keine Alternativen zur Verfügung standen. Hallo? Kann das Schwelmer Dialekt keine Alternative zum Hochdeutsch sein? Kann ich mich von meiner Elterngeneration mit dem Schwelmer Dialekt nicht abgrenzen? Klar geht das. Nur man muss diesen Dialekt auch anders kommunizieren. Oder man sollte Wettbewerbe in Dialekt ausschreiben, wer den besten Sketch in Schwelmer Dialekt abhalten kann. Irmgard Weinreich und Eugen Dittmar könnten als Jury fungieren.

Mit Spaß dabei - Heimatfestzug 2014  Foto: Linde Arndt

Mit Spaß dabei – Heimatfestzug 2014 Foto: Linde Arndt

Stichwort Jugend: Was spricht denn eigentlich dagegen wenn es eine zweite Dacho von Jugendlichen gibt, die ihre eigenen Ideen innerhalb des Heimatfestes umsetzen darf?

Stichwort Vereinsmitgliedschaft: Junge Erwachsene wollen keine Mitgliedschaft in einem Verein, sie wollen sich auch noch nicht binden. Das ist ja auch verständlich in unserer heutigen Arbeitswelt.
Um dem Rechnung zu tragen, könnte man eine projektbezogene Zusammenarbeit diesen jungen Erwachsenen anbieten. In diesem Zusammenhang hätten wir schon drei Gruppen die außerhalb der Nachbarschaften auftreten würden. Die Franzosen, die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen. Umgesetzt könnte dies eine Bereicherung des Heimatfestes darstellen.

Stichwort Öffentlichkeitsarbeit: Es ist für mich immer wieder irritierend wenn ich das Marketing und die PR für das Heimatfest sehe. Ist es doch das Event mit dem Schwelm über die Grenzen in ganz NRW punkten kann. Mit punkten meine ich auch Investoren anziehen, die Schwelm als Standort in ihre Überlegungen einfließen lässt. Warum fällt es Schwelm nicht ein bei der Kulturstiftung des Bundes oder Kulturstiftung NRW, und da gibt es noch viele Ansprechpartner, Gelder einzuwerben? Das Schwelmer Heimatfest hat eine uralte Tradition, da müssen evtl. Anträge entsprechend formuliert werden.

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Es nützt nichts, Reformen müssen her, wenn man nicht in 20 Jahren das Heimatfest mangels Interesse absetzen will.
Was nun das Heimatfest selber betrifft, das werden die „Hurraschreiber“ sicher besser beschreiben. Sie werden keine Kritik übermitteln wollen, man will sich ja nicht bei dem Mainstream, nachdem alles so bleiben soll wie es bis zum bitteren Ende ist, unbeliebt machen.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Schwelm

 

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