Achtung und Respekt für Bischöfin Margot Käßmann

[jpg] In meiner Jugend hatte ich es leicht. Warum? Ich hatte Vorbilder, die gab es damals noch. Diese Vorbilder wurden auch in der Öffentlichkeit hoch gehalten. Ihre Vita war uns Ansporn, ihnen nach zu leben und ihr Wort, sofern es übermittelt wurde, galt uns allen etwas. Viele gesellschaftliche Bereiche hatten diese Vorbilder. Ich will jetzt nicht in Bereiche vordringen, die so manch einem heute fremd sind. Nehmen wir nur den Sport aus der damaligen Zeit. Wer kennt nicht die Namen Fritz Walter oder Uwe Seeler? Beide sind bekannt als Sportler die aus dem Lehrbuch für den Fußballsport entsprungen sein könnten. Politiker aller Parteien schmückten sich mit beiden Sportlern um einen Transfer herzustellen.

Auch die Kirche hatte damals Vorbilder. Bischof Niemöller, Dietrich Bonhoeffer, Kardinal von Galen, Kardinal Frings, Bischof Hengstbach sind nur einige, die den Gläubigen aber auch  allen Anderen Halt und Zuspruch gegeben hatten.

Und dann war eine ganze Weile nichts mehr zu hören und zu sehen. Man dachte es wäre vorbei mit den Vorbildern und damit mit der Vorbildfunktion. Wort und Tat fallen immer mehr auseinander, Beliebigkeit ist angesagt. Was uns danach vorgesetzt wurde lohnte keiner Zeile, die heutigen Vorbilder sind eher Zerrbilder zwischen einem Anspruch und der tatsächlichen Wirklichkeit.

Da wurde 1999 eine Margot Käßmann zur Bischöfin der Hannoverischen Landeskirche gewählt.
Nach Maria Jepsen, die 1992 zur Bischöfin in Hamburg gewählt wurde, die zweite Frau die die evangelische Kirche gewählt hatte.

Jepsen ist jedoch nie so radikal wie Käßmann gewesen und ist immer auf Ausgleich und Harmonie besonnen.

 

 Käßmann stellte sich an die Seite der Friedensbewegung und der Jugend und begleitet sie. Sie wollte raus unter die Menschen. Käßmann begeisterte, sie wollte die neue Kirche, die moderne Kirche sein. Sie ging offensiv auf die Öffentlichkeit zu, scheute nicht den Streit, eine Streiterin für das Wort. Ehrgeizig wie sie war trat sie 2003 gegen den Brandenburger Bischof Huber zur Wahl des Vorsitzenden der evangelischen Kirche Deutschlands an und verlor. Die Zeit war eben noch nicht reif. Als Bischof Huber 2009 in den Ruhestand trat, war es soweit, einstimmig wurde sie von den Synodalen zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD am 28.10.2009 gewählt.

Nur diese Frau war seit sie Bischöfin war, der Widerspruch schlechthin. Ihren Brustkrebs machte sie öffentlich, auf eine Art, die so manch einer Frau neue Hoffnung gab. Die Botschaft: Du kannst damit fertig werden, ich wurde auch damit fertig. Es ist schwer, aber es geht. Nach dem Brustkrebs ließ sie sich von ihrem Mann scheiden, mit dem sie 26 Jahre verheiratet war und vier Kinder hat. Der Rat der evangelischen Kirche war etwas konsterniert, die Bischöfin stellte ihr Amt zur Verfügung. Der Rat stellte sich aber hinter die Bischöfin.

Es war alles öffentlich, nichts wurde verschwiegen. Dann stellte sie sich kritisch gegen den Afghanistankrieg, der ihr als Christin suspekt war. Das war richtig, denn Christen sollten die Friedfertigen sein. Sie wurde öffentlich gescholten, sie würde den deutschen Soldaten in den Rücken fallen, so hieß es. Sie ließ sich nicht beirren in ihrer Position, erläuterte und erklärte das Warum – geduldig. Damit nahm sie ihren politischen Widersachern den Wind aus den Segeln. Komischerweise hatte der katholische Bischof Mixa sinngemäß die gleichen Äußerungen getätigt, er aber blieb unbehelligt. Ja, wir Deutschen haben ein Frauenproblem. Auf der unteren und mittleren Ebene lassen wir die Frauen ja, aber die Führungsebene, nein bitte, da soll es doch ein Mann sein.

Da zeigt sich einmal mehr, wie weit die Emanzipation gekommen ist, die Frauen haben es geschafft, die Männer haben es noch nicht einmal gemerkt, dass auch sie sich emanzipieren sollten. Da stellt sich doch die Frage, können Männer sich überhaupt emanzipieren?

Und dann kam der 20.02.2010  – Margot Käßmann wurde mit 1,54 Promille am Steuer angetroffen als sie bei Rot eine Ampel überfuhr. Da schlug die Männerwelt zurück, allen voran die BILD mit F. J. Wagners, der einen für die Bild typischen Kommentar abgab. http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2010/02/24/post-von-wagner.html Nichts desto trotz stellte sich der Rat der evangelischen Kirche geschlossen hinter seine Vorsitzende.

Das sind so Momente, die in einem  große Zweifel aufkommen lassen. Man möchte wegsehen und die Tat von der Person trennen um nur die Person mit ihren positiven Leistungen zu sehen. Man ist versucht die Tat klein zu reden, weil die Person so groß ist. Dann vergehen die Tage, es wird verdrängt, die Tat wird immer kleiner, bis sie der Vergessenheit übergeben wird. Der Rat der evangelischen Kirche überließ die Bewertung dieser Tat der Bischöfin selber. Kein ernsthafter Mensch möchte in der Haut von Margot Käßmann gesteckt haben. Und was tat sie? Sie trat zurück, in einer nur für sie unnachahmlichen Art, klar, radikal und konsequent.

So schreibt sie auf der Seite der EKD:

"Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich ihn bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinweg sehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind. Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte. Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie "Nichts ist gut in Afghanistan" ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird. …..

Denn vollen Wortlaut können sie hier entnehmen.

Sie hätte es sich so einfach machen können, wie Otto Wiesheu  (CSU) der 1983 betrunken einen Menschen mit seinem Auto tötete und einen verletzte oder Dieter Althaus (CDU) der 2009 fahrlässig den Tod eines Menschen herbeiführte. Beiden gelang es nie mit ihrer Schuld angemessen umzugehen oder sich zu bekennen. Beide sind mit ihrem Verhalten derart beschädigt, dass sie bis an ihr Lebensende unglaubwürdig sind. Aber diese beiden haben auch andere Politiker damit beschädigt. Und das schlimme ist, denen ist es egal.

Bischöfin Käßmann ist wieder eine einfache Pastorin in der hannoverischen lutheranischen Landeskirche.
Damit beweist sie einmal mehr: "Wir fallen nie tiefer als in Gottes Hand".

Alle Achtung und Respekt, Frau Käßmann, hoffentlich bleiben sie uns noch lange erhalten.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik

3 Kommentare
  1. Adalbert Mayer says:

    Ich bewundere diese Frau, diese Mutter, diese Pastorin und diese Bischöfin der Herzen !!!
    Margot ist einmalig, also einmal so gesagt: Entweder Du hast es, oder Du hast es nicht, denke, das ist eine einmalig talentierte Christin, welche uns alle begeistert mit den Worten und den Lehren Jesu.
     Kurz: Sie tut gut, sie kann mit Worten und Gesten begeistern, ist eine starke Frau und Mutter des Glaubens, der Glaubwürdigkeit, ein Vorbild, Idol,  ja, sie kann anstecken, kann die Gänsehaut auflaufen lassen, und gibt dir das Gefühl, behütet, beschützt , gestärkt und gesegnet in Jesu Gnade, Geborgenheit und letztendlich in seine Liebe und Erlösung aufgenommen zu sein. Margot ist eine Jüngerin Jesu, eine von uns, wie Du und ich, mit allen Stärken und Schwächen, Freude und Leid, Liebe und Enttäuschung, Zweifel und Hoffnung. Das Wort Gottes zu verkünden, das ist ihre Aufgabe, "Menschenfischerin" zu sein, und nach der Bergpredigt Jesu uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung zu verkünden. Wie Jesus muss sie zur Zeit Hon und Spott ertragen, muss leiden, wird erniedrigt, missachtet, und es werden Steine in den Weg gelegt, andere würden sie am liebsten damit steinigen. "Ich finde keine Schuld an ihr", so die EKD – aber sie geht ihren eigenen, schweren Weg der uns allen sehr schmerzt und weh tut. Wir verlieren eine vorbildliche und große Bischöfin, und doch ist es wieder ein "Spiegelbild" für uns selbst, gerade in der Fastenzeit zu fragen, wo stehe ich, habe ich auch gewisse Regeln in meinem Leben gebrochen, bin ich auch schon einmal unter Alkoholeinfluss am Steuer gesessen, oder hatte sonst irgendwelche Gesetzte missachtet ? Wo bleibt meine Reue, mein Schuldbekenntnis, mein persönlicher Rücktritt, meine Entschuldigung, meine Wiedergutmachung, meine Bitte um Vergebung, mein besserer Lebenswandel ?? Wer mit einem Finger auf andere deutet, zeigt mit drei Finger auf sich selbst !! Ich verehre Margot, wünsche ihr alles Gute, viel Kraft und Mut für die kommenden Tage, Wochen und Jahre, viel Gesundheit und vorallem ein neuer Beginn in Liebe und Freude. Sorry, aber ich liebe diese Frau, sie ist einmalig !!

  2. Ulrich Borggraefe says:

    Schöner Artikel über eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau…
    Vielen Dank.
    PS: Auch schön, ein Text  von Albrecht von Lucke über die Neujahrsansprache, Blätter 2/2010, S.31, "Margot Käßmann und die rechten Kampagneros"

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] trat, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hatte, von allen ihren Ämter zurück (Wir schrieben darüber). Das nennt man würde- und verantwortungsbewusstes Handeln und es brachte Margot […]

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