[jpg] Der Trauergottesdienst ist vorbei. Ist dann auch die Trauer vorbei? Nein!
Als ich vorgestern meine Tochter und meinen Schwiegersohn traf und bei beiden ein Lächeln über das Gesicht ging, ging auf einmal ein Glücksgefühl durch meinen Körper. Ein Glück sie gibt es noch. Wie mag es anderen Eltern, Geschwistern, Ehepartnern gehen, die dieses Lächeln nicht mehr sehen können, weil ihre Lieben zu Tode kamen? Es überfällt einen ein tiefes Gefühl von Trauer je näher man an diesem Unglücksort war.

Jeder trauert für sich alleine, es ist ein persönliches intimes Erleben wofür es kein Rezept gibt, wir werden einfach mit diesem Trauerprozess konfrontiert.

.

So fand sich in der Salvatorkirche in Duisburg eine Woche nach dem Unglück eine Trauergemeinde aus einem weiten Kreis von Betroffenen als auch der Politik ein um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

Der Präses der evangelischen Landeskirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, nannte diese Love Parade einen Totentanz und mahnte Verantwortung von denen an, die dieses Unglück zu tragen haben. Und er konstatierte: "Stärker als der Tod ist die Liebe von uns Menschen zu einander".

 
   

Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck sah uns als Menschen, die von einem Moment ihres Lebens zum anderen in Extremsituationen stehen. Jung, dynamisch und lachend, es wird alles gut gehen. Und dann? Katastrophe die alle unbarmherzig in ein großes Leid stürzt – so zerbrechlich ist unser Leben. Und so kommt auch er in seiner Predigt zu dem Schluss: "Die "Loveparade" ist vor einer Woche an ein schreckliches Ende gekommen.
Es ist schwer mit dem zu leben, was geschehen ist.

Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der "Loveparade" zum Ausdruck bringt: die Liebe".

Ministerpräsidentin des Landes NRW Hannelore Kraft war sichtlich bewegt in ihrer Rede.
"Diese Trauerfeier kann Trost spenden, nur sie kann keinen endgültigen Schlussstrich ziehen. Viele benötigen auch weiterhin unseren Trost."
Und so wandte sie sich besonders an die Gruppe der vielen Helferinnen und Helfer als auch der Ordnungskräfte, die bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gegangen waren. Sie hielten aus, stützten und waren unter Hintenansetzung ihrer eigenen Gefühle gefordert. Und dann war da noch eine Gruppe, sie wollten nur feiern und sahen sich urplötzlich von einem Moment zum anderen der Katastrophe ausgesetzt. Auch sie waren es die halfen, die Menschen die der Ohnmacht nahe waren stützten, die Wasser zum Trinken reichten damit niemand kollabierte oder die nur ihre Hand reichten obwohl sie selber in Nöten waren. Es waren die stillen Hilfen die beweisen – wir stehen uns alle doch so nahe.

Dieses Ereignis  gipfelt in der Bitte eines Vaters an die Ministerpräsidentin einmal unser Wertesystem zu überdenken; denn das Wohlergehen und die Sicherheit jedes Einzelnen sollte immer im Vordergrund stehen. Und wenn das dadurch bedacht würde hätte der Tod seiner Tochter wenigstens doch einen Sinn.

Frau Kraft  beendete ihre Trauerrede damit, dass sie den Trauernden zu rief  "Öffnen auch Sie Ihre Herzen und lassen  Sie sich  von anderen helfen. Sie sind nicht allein."

Damit endete der oekomenische Gottesdienst.

Was bleibt? Nun ich will auch weiter nicht funktionieren. Pressevertreter zu sein kann für mich nicht bedeuten meine Gefühle zur Gänze zu unterdrücken. Wenn ich morgen noch mal in die Situation kommen sollte zu entscheiden ob ich auf den Auslöseknopf der Kamera drücken sollte oder die Hand zur Hilfe zu reichen, so würde ich weiterhin die Hand zur Hilfe reichen.

Und meine Wut? Die richtet sich gegen die, die immer noch nicht in der Lage sind Verantwortung zu übernehmen. Gestern erfuhr ich aus Landes CDU Kreisen, dass der Rücktritt von Oberbürgermeister Sauerland (CDU) nicht in das Konzept der strategischen Überlegungen der Partei passen würde.Wie erbärmlich.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik

                     

 

[jpg] Immer lauter werden die Stimmen der Oberbürgermeister von Duisburg, Sauerland (CDU), soll mit seinem Rücktritt die Verantwortung für die LoveParade übernehmen. Sauerland hat sich in seinem Rathaus verbarrikadiert und ist zu keiner Stellungnahme mehr bereit.

Sowohl die Ministerpräsidentin des Landes NRW, Hannelore Kraft (SPD) als auch der Innenminister des Landes NRW Ralf Jäger (SPD), verstärken diese Forderung. Parteifreunde des OB Sauerland, wie  Wolfang Bosbach (CDU) sehen auch die politische Verantwortung beim OB. Kategorisch lehnt Sauerland dieses Ansinnen jedoch ab.

Nur hat man bedacht, ein Rücktritt von einem gewählten OB ist in unserem System überhaupt nicht vorgesehen. Tritt Sauerland zurück, käme das einer außerordentlichen Kündigung gleich und er würde sämtliche Pensionsansprüche aus seinem Amt verlieren. In unserer heutigen materiellen Zeit wäre das ein erheblicher Verzicht, immerhin auf rund € 10.000,–. Dies wird  Sauerland sicher umtreiben, denn als ehemaliger Lehrer wird er bestimmt in seinem Alter  nicht sofort einen neuen Job bekommen. Angesichts dieser Tragödie hört sich das eher frivol an, es ist aber so.

Nur, die Frage ist jedoch, was macht die Politik? Wie geht sie mit dem Problem um?
Die Opfer -allesamt – haben ein Recht auf ein eindeutiges Signal:
"Ich übernehme die Verantwortung für dieses Desaster!"  Verantwortung heißt
aber nicht in diesem Falle ein Schuldeingeständnis, welches gerichtlich verwertbar
ist. Dieses obliegt einem ordentlichen Gericht, eine Schuld zu zuweisen mittels Gerichtsurteil.
 

   OB Adolf Sauerland

  In diesem Zusammenhang sollte man die Blicke auf den Rat der Stadt Duisburg lenken, denn der hat es in der Hand, sowohl den OB Sauerland, den Ordnungsamtsleiter Rabe als auch den kommissarischen Polizeipräsidenten von Schmeling zum "Teufel" zu jagen. Von diesem Rat der Stadt Duisburg hört man jedoch keinen Ton.  
Rechtsdezernet
Wolfgang Rabe
      Polizeipräsident Detlef von Schmeling

Es ist schon fraglich wie die Landes SPD mit ihrer Ministerpräsidentin und dem Innenminister einen Rücktritt des OB fordern, die SPD Mehrheit im Rat der Stadt Duisburg keinen Antrag auf Abwahl nach der GO formulieren wollen. Denn in der Gemeindeordnung (GO) ist das Prozedere einer Abwahl klar formuliert. Und mit einer Abwahl behält der OB für die gewählte Zeit seinen Anspruch auf Entgelt.

So bleibt wie immer ein bitterer Beigeschmack, wenn die Politik auf der einen Seite etwas fordert aber auf der anderen Seite nichts unternimmt um diese Forderung Realität werden zu lassen. Denn es ist doch anscheinend offensichtlich, dass OB Sauerland keinen finanziellen Nachteil erleiden will.

Während der Finanzkrise haben wir gesehen wie schnell die Politik reagieren kann. Warum nicht hier? Wo die Opfer doch endlich einen Verantwortlichen sehen wollen. Wie gesagt es geht um die politische Verantwortung, nicht um ein gerichtlich verwertbares Schuldeingeständnis. Und diese politische Verantwortung hat etwas mit der Würde dieses Amtes aber auch der Stadt zu tun.

Es wird Zeit, dass sich der Rat der Stadt Duisburg mit einer Dringlichkeitssitzung zusammenfindet um solch einen Antrag zu formulieren. Die Trauerfeierlichkeiten haben noch nicht begonnen.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Ennepetal

 

Heute wurde uns folgender Antrag zur Veröffentlichung übersandt:

Herrn Bürgermeister

Wilhelm Wiggenhagen

Bismarckstraße 21

 

58256 Ennepetal

Datum
Ennepetal, 29.07.2010

Ansprechpartner
Volker Rauleff

Telefon
02333 / 977 134

E-Mail
info@spd-ennepetal.de

Internet
www.spd-ennepetal.de







Bürgerhaushalt

hier: SPD-Antrag zur Bürgerbeteiligung zum Haushalt 2011

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

die SPD-Fraktion im Rat der Stadt Ennepetal möchte allen Einwohnerinnen und Einwohnern eine stärkere Beteiligung und Einflussnahme auf die städtischen Finanzen ermöglichen. Es ist sicher eine spannende Frage, welche Vorschläge aus der Bürgerschaft für Ennepetal gemacht werden.

Am Beispiel der Stadt Lüdenscheid kann man sehen, wie es geht:

Die Stadtverwaltung dort nimmt bis zu einem bestimmten Termin Ideen für die Aufstellung des Haushaltsplans zu verschiedensten Themenfeldern entgegen. Dabei sind sämtliche Informationskanäle geöffnet.

Um einen Einblick in die städtische Haushaltssituation zu ermöglichen, sollen im Internet Haushaltsplan und weitere wesentliche zugrunde liegende Rechtsvorschriften zum Download bereit stehen. Ein Formular zur Beteiligung am Bürgerhaushalt gibt es als PDF-Dokument. Das Formular kann dann am Bildschirm ausgefüllt und entweder per Post oder Fax an die Verwaltung geschickt werden oder direkt online über eine verschlüsselte Verbindung an die Verwaltung gesendet werden. Für alle Fragen zum Bürgerhaushalt wird ein/e Ansprechpartner/in benannt.

Wir bitten Sie, unseren Antrag im Sinne von Transparenz und Bürgerfreundlichkeit zu unterstützen.
Mit freundlichen Grüßen

Volker Rauleff                            Anita Schöneberg
SPD-Fraktionsvorsitzender        Stellv. Bürgermeisterin

 

[jpg]  Es war eine Pressekonferenz angesetzt, welche die Informationen zur Tragödie der Duisburger Love Parade liefern sollte, womit der Anspruch der Öffentlichkeit befriedigt werden sollte, also Aufklärung.

          

         

Was heraus kam ist eine uneingeschränkte Ehrenerklärung des Innenministers Ralf Jäger(SPD) gegenüber seiner Polizei.
Der Innenminister des Landes NRW, Ralf Jäger, und der Polizei-Inspekteur NRW, Dieter Wehe brachten nur wenig Neues und Erhellendes, was nicht schon bekannt war.

Neu war, dass der Veranstalter der Loveparade, die Lopavent GmbH, am Unglückstag schon um 15:30 Uhr die Polizei um Hilfe ersucht hatte.  In diesem Gespräch soll der Veranstalter gesagt haben:"Ich habe meine Veranstaltung nicht mehr im Griff, bitte helft mir." Somit hätte der Veranstalter schon zu diesem Zeitpunkt die Kontrolle über die Loveparade Veranstaltung verloren gehabt. Die Polizeibeamte schritten auch daraufhin sofort ein.  Um 17:02 Uhr wurde das erste Opfer gemeldet, zu dem Zeitpunkt waren die ersten Polizeibeamten bemüht Herr über das Chaos zu werden. Warum hat man nicht sofort die Veranstaltung geregelt aufgelöst. Denn das Konzept, welches ja als Bedingung der Genehmigung der Veranstaltung zu Grunde lag,  des Veranstalters war nunmehr hinfällig und die Veranstaltung damit illegal.

Zur Ursache der Tragödie wurde im Pressegespräch die Rampe herangezogen. An der oberen Stelle, also auf der Kuppe der Rampe, blieben die Leute einfach stehen, weil direkt vor ihnen die Floats vorbei fuhren, dieses löste den Rückstau aus. Die vom Veranstalter zugesagten Pusher, welche die Menge in das Gelände herein drücken sollten, waren nicht vorhanden. Auch die zugesagten 150 Ordnungskräfte des Veranstalters wurden nur teilweise bemerkt. Durch den Stau entstanden Ängste die zu panischen Reaktionen führten. Ziel dieser Reaktionen waren drei Punkte, der Container, die Lichtmasten und die zuerst gesperrte kleine Treppe. Der Druck auf die Treppe war so groß, dass auch dort die meisten Menschen erstickt, sprich mit eingedrücktem Brustkorb aufgefunden wurden. Eingesetzte Polizeibeamte versuchten als Kette die Menschen von der Rampe abzudrängen, was allerdings nicht gelang. Die Kette wurde durch die Menschenmassen gesprengt.

 

Lassen wir das mal so stehen.
Polizei-Inspekteur NRW, Dieter Wehe, erörterte, dass die Polizei nur für den nicht gekennzeichneten Veranstaltungsbereich zuständig gewesen sei, alles andere sei im Verantwortungsbereich des Veranstalters.
Die folgenden Fragen wurden jedoch leider wieder nur unzureichend beantwortet.

1.    Der ehemalige Polizeipräsident Rolf Cebin sollte sich massiv in 2009 gegen die Veranstaltung (a) aus Sicherheitsgründen und (b) weil keine geeigneten Flächen im Stadtgebiet vorhanden gewesen wären, ausgesprochen haben.
2.    Warum die Stadt Duisburg die Loveparade nach einer sicherheitstechnischen Prüfung nicht genauso wie Bochum die Veranstaltung abgesagt habe.
3.    Warum der kommissarische Polizeipräsident von Schmeling nicht Manns genug war seine angeblichen Bedenken in eine Verweigerung umzuwandeln? Er hätte ja auch den Innenminister anrufen können.
4.    Warum erst um 9:00 Uhr des Veranstaltungstages die Genehmigung für die Loveparade Veranstaltung der Polizeicvorgelegen habe.
5.    Als um 15:03 Uhr das Ordnungssystem des Veranstalters zusammenbrach, wusste die Polizei nicht die Veranstaltung aufzulösen. Obwohl durch diesen Zusammenbruch nunmehr ein erhöhtes Gefährdungspotenzial  vorhanden war.
6.    Wieso keine Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen vorhanden war. So war immer wieder zu beobachten, dass Beamte auf sich alleine gestellt waren. Auch klappte die Kommunikation von Polizei zu den Rettungskräften und den Ordnern im Bereich der Veranstaltung nicht. Es gab keine gemeinsame Leitstelle. Das Argument, man hätte ja über Handy kommunizieren können, ist wohl aus der Luft gegriffen wenn die Mobilfunknetze zusammen nur zeitweilig einsatzbereit waren.

   
  v.l.n.r:   Polizei-Inspekteur NRW, Dieter Wehe /  Innenministers Ralf Jäger(SPD)  

                    
Sämtliche Informationen hatte man sich von der Duisburger Polizei geholt, die ja schon zu Anfang offenbar nicht die Übersicht hatte. So hielt sich zunächst bis nach der am Sonntag einberufenen Duisburger Pressekonferenz die Darstellung der Polizei, sämtliche Opfer wären durch Stürze zu Tode gekommen. Es wurde immer der Eindruck von der Duisburger Polizei erweckt, die Raver wären an ihrem Tod selber schuld.

Der Veranstalter ist von 1 Mio Besuchern ausgegangen, was die Polizei nicht in ihre Planung mit einbezog, vielmehr hatte die Polizei 500 Tsd. veranschlagt. Über Hubschrauber hat die Polizei im ganzen Stadtgebiet angeblich jedoch nur 300 Tsd. ausgemacht. Der Loveparade Veranstaltungsot war jedoch nur für 250 Tsd. zugelassen. Aus diesem Grunde sah man auch die eingesetzten 4.000 Beamte als ausreichend.

Wenn man bedenkt, dass nunmehr bis heute 21(Heute starb eine junge Frau) junge Menschen zu Tode kamen und hunderte Verletzte und traumatisierte Jugendliche aus der Veranstaltung hervor gingen, so ist es doch mehr als bedenklich, wenn auch heute noch niemand zumindest die moralische Verantwortung übernehmen will. Die Polizei wäre gut beraten, wenn auch sie ihren Part an moralischer Verantwortung übernehmen würde. Nicht die einzelnen Beamten die auf dem Gelände sich um die Raver mühten um weiteren Schaden von ihnen abzuwenden, die sind bis an ihre Grenzen gegangen. Nur die Führung der Polizei hatte offensichtlich kein Konzept wie man dieser Katastrophe Herr werden konnte.

Es bleiben viele, viele Fragen offen, die auch hier auf Grund der laufenden Ermittlungen nicht beantwortet wurden. Das schwarze Peter Spiel geht also unvermindert weiter.

Was bleibt? Es bleibt ein mulmiges Gefühl. Und ein deutscher Beamter hat schon seine Probleme mit der Moral und der Verantwortung. Das haben die Eltern der Verstorbenen und Verletzten sicher nicht verdient.

Jürgen Gerhardt von EN-Mosaik
aus dem Düsseldorfer Landtag

 



(pen) Menschen aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis, die die tragischen Ereignisse der Loveparade am vergangenen Samstag in Duisburg miterlebt haben und Hilfe suchen, können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge für den Ennepe-Ruhr-Kreis, Hagen und den Märkischen Kreis wenden. Auf dieses Angebot weist jetzt die Kreisverwaltung hin. Die gut ausgebildeten Mitarbeiter hören den Ratsuchenden zu und können bei Bedarf Kontaktdaten weiterer Ansprechpartner nennen. Die kostenfreie Telefonnummer lautet 0800/111 0 111. Eine Beratung ist auch online möglich, wer diesen Weg wählen möchte, nutzt die Internetseite www.telefonseelsorge-hagen-mark.de.

Weitere Anlaufstelle sind die Trauma-Ambulanzen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). In den neun Trauma-Ambulanzen des LWL, darunter die Standorte Bochum und Dortmund, können sich Betroffene und ihre Angehörigen für entlastende Gespräche kurzfristig anmelden. Dort werden sie von spezialisierten Therapeuten dabei unterstützt, wieder Abstand zu den quälenden Erinnerungen zu gewinnen und in den Alltag zurück zu finden.

„Die Bewältigung solcher Erlebnisse wie in Duisburg überfordert manchmal die Betroffenen“, so Dr. Alexandra Dittmann-Balcar, stellvertretende zentrale Notfallpsychotherapeutin des LWL-Psychiatrieverbundes Westfalen. Die Menschen würden von quälenden Erinnerungen in Form von Alpträumen überfallen. „Im Verlauf der Erinnerungen erleben sie Gefühle, Gedanken oder Bilder aus der ursprünglichen Situation wieder.“ Die Betroffenen reagierten in den ersten Tagen nach dem Ereignis mit diffusen Ängsten, Nervosität, innerer Unruhe, Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen. Manche erlebten sich teilnahmslos, andere zeigen Wut, Depressionen oder Schuldgefühle. Dittmann-Balcar: „All das sind völlig normale Reaktionen, die fast alle Menschen zeigen, die solchen extremen Erfahrungen ausgesetzt waren.“

Die Trauma-Ambulanzen in Bochum und Dortmund sind wie folgt zu erreichen: LWL-Universitätsklinikum Bochum, Telefon 0234/5077-0, www.lwl-klinik-bochum.de, LWL-Klinik Dortmund Kinder- und Jugendpsychiatrie, Telefon 0231/913019-0, www.elisabeth-klinik-do.de.

[jpg] Gestern nach der Katastrophe war im Pressezentrum eine Mischung von Betroffenheit, Trauer, Hektik, Wut und Unverständnis anzutreffen. Ich stand mit drei älteren Kollegen draußen vor der Pressebrücke und wir waren uns einig, dass hätte nicht passieren dürfen. Es war von unserer Seite ein zu hohes Maß an Vertrauen gegenüber den Verantwortlichen vorhanden gewesen. In den voraus gegangenen Pressekonferenzen wurden zwar kritische Fragen zur Sicherheit gestellt, wir waren aber alle zufrieden mit den teils oberflächlichen Antworten. In Einzelgesprächen wurden diese kritischen Fragen den Verantwortlichen gegenüber nochmals gestellt, wir alle wollten jedoch nicht als Spielverderber oder Bedenkenträger dastehen. Und so beließen wir alle es dabei und dachten dass, was alle dachten: Es wird schon gut gehen.

Nur es ging eben nicht gut. Und in dieser Hinsicht haben wir uns alle irgendwie schuldig gemacht.

Als Beispiel mag die heute von der Stadt Duisburg abgehaltene Pressekonferenz herhalten, die man nur als stümperhaft einstufen kann. Technisch hatte man keine Vorbereitung getroffen um den sich nun stellenden Fragen der in- und ausländischen Presse Rede und Antwort zu geben. Betroffenheit und Trauer sollte man schon persönlich formulieren können und nicht vom Blatt ablesen, welches ein Öffentlichkeitsreferent angefertigt hat. Und es sollte die erste Reihe der Stadt anwesend sein und sich auch als solche ausweisen.

Nicht der stellvertretende Leiter der Polizei Duisburg Detlef von Schmeling, sondern der Leiter der Polizei Rolf Cebin hätte anwesend sein müssen. Ebenso die mit der Planung beauftragten Leiter der Stadt Duisburg und nicht nur der Leiter des Krisenstabes. Berechtigte und wichtige Fragen wurden allesamt mit Statements beantwortet. Man hatte den Eindruck die Verantwortlichen sprachen von einer ganz anderen Veranstaltung, nämlich der, wie sie hätte sein sollen, nicht der wie sie sich darstellte. Die wesentliche Aussage war jedoch, wir, die Verantwortlichen sind nicht Schuld an der Katastrophe, die Besucher haben ihren Tod selber herbeigeführt. Rainer Schaller  [Lopavent GmbH] der Organisator der Loverparade war fein raus, er verkündete das " Aus" der Loveparade nach dem er seine Betroffenheit geäußert hatte. Danach überließ er alles seinem Pressesprecher. Und der Oberbürgermeister Sauerland (CDU) wusste nichts Wesentliches zu dieser Veranstaltung zu sagen, außer die vom Blatt abgelesene Betroffenheit.

Dezernent der Stadt Duisburg  Wolfgang Rabe, wollte gar nur als Leiter des Krisenstabes befragt werden, zur Planung und Organisation oder zum Sicherheitskonzept wollte er nichts sagen. Detlef von Schmeling der stellvertretende Leiter der Polizei Duisburg verwies darauf, dass der Organisator, also die Loveparade [Lopavent GmbH]  selber, für die Sicherheit verantwortlich gewesen sei. Was haben die Verantwortlichen doch ein Glück, dass nunmehr zwei Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft eingetrudelt sind. So braucht man keine dezidierte Stellungnahme abzugeben – wegen des Ermittlungsverfahrens. Ach ja, nebenbei hatte man mal so eben zugegeben, dass dieser Platz nur für 500 tsd. ausgelegt war und die anwesenden 1,4 Mio nur nacheinander hereingelassen werden konnten.

Nun zu unserem persönlichem Eindruck von dieser Loveparade.

Recht früh um 16:00 Uhr kam das Team welches sich im Bereich aufhielt wo sich die Tragödie danach abspielte zurück und berichtete, dass dort ein fürchterliches Gedränge vorherrschte und keine Arbeitsmöglichkeit vorhanden wäre. Die Aussage der Beiden, wenn das man gut geht. Die Teams blieben nunmehr am Eingang der nur der Presse und den VIPs vorbehalten waren und arbeiteten von dort aus. Der Tunnel als auch die Rampe zur Veranstaltung war uns durch Augenscheinnahme bekannt, die Enge wurde auch in den PKs kommuniziert.

Am Freitag versuchte ich mich mit dem Veranstalter [Lopavent GmbH] , der Polizei und der Stadt auf eine Regelung hinsichtlich der Anreise zu einigen. Mein Eindruck: Es herrschte eine krisenhafte Stimmung vorab, keiner der Befragten wusste eine klare befriedigende und kompetente Antwort zu geben.

Wir waren also auf uns gestellt. Am Samstag parkten wir in der Waldstrasse ca. 5 Minuten vom Veranstaltungsort ab und gingen zu Fuß dorthin. Auf dem Weg fiel uns als erstes auf, dass die von uns angetroffenen Polizeibeamte keine Ortkenntnis hatten, nur einer hatte einen Stadtplan privat mitgebracht. Keiner der Beamten wusste genau wo der Veranstaltungsort ist, für meine Begriffe ein Unding. Bis wir dort ankamen sahen wir nur vereinzelnd Polizeibeamte. Als wir am Pressecounter ankamen und unsere Zugangsberechtigungsbänder bekamen übernahm die Sicherheit des Veranstalters [Lopavent GmbH] .

Da war eine Pressebrücke für Fotografen, die nur für 80 Personen ausgelegt war, was aber nicht so recht überprüft und kontrolliert werden konnte. Erst nach der Katastrophe fing man an zu zählen, nur man konnte von zwei Seiten auf die Brücke, wobei die eine Seite nur kontrolliert wurde.

Die Kommunikation über WLan ging nach einer relativ kurzen Zeit in die Knie und wir hatten nur im kb Bereich einen Zugang. Das Laden gestaltete sich als Geduldsspiel. Alle Ansprechpartner waren nicht umfassend informiert, sie hatten nur einen kleinen Teilbereich von Informationen parat. Als die Veranstaltung  pünktlich um 14:00 begann, wollte jeder nur seine Bilder haben, wir auch. Alles andere wurde irgendwie ausgeblendet, auch von uns.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Das worst case Szenario trat ein – die Katastrophe war da. Als ich von den 10 Toten und den vielen Verletzten erfuhr, wusste ich ehrlich gesagt nicht wie ich damit damit umgehen sollte. Während ich noch mit meiner Gefühlswelt beschäftigt war, sprangen die Kollegen allesamt zum Unfallort. Einige Kollegen wurden von ihren Redaktionsleiter angeschrien ob sie sich denn nicht endlich auf den Weg machen wollten um von der Unfallstelle Bilder zu machen. Ich persönlich war wie gelähmt. Die ersten Kollegen kamen zurück und brachten die Bilder vom Unfall. Es waren schreckliche Bilder die ich auf den Bildschirmen sah. Alle waren ensetzt. Wir haben dann gemeinsam entschieden, wir machen keine Bilder vom Unfallort aus ethischen Gründen. Nicht weil wir die Guten sein wollten, sondern, was sollte das bringen? Bringt die Hereingabe eines Bildes von herumliegenden Leichen und herumstehenden Tragen mit Verletzten eine wesentliche Information für einen Leser. Nein!  Es würden nur die niedrigen Instinkte unseres menschlichen Daseins bedient.

Es herrschte aber ein Gefühl der Trauer bei uns vor und dem wollten wir nachgeben. Wir brachen unsere Berichterstattung ab.
Auf dem Rückweg sahen und hörten wir wie schlecht die Organisation war, die unseres Erachtens nicht annähernd mit der nun eingetretenen Situation zurecht kam. Da irrten junge Menschen durch die Strassen und wussten nicht wie sie mit ihren Eltern in Verbindung kommen konnten um diesen mitzuteilen, dass es ihnen gut geht. Das Mobilfunknetz war zusammen gebrochen. Öffentliche Fernsprecher gab es nicht. Polizeibeamte wussten Ortsfremden nicht den Weg zum dem Bahnhof zu weisen, weil sie selber ortfremd waren.

Der Rückstau zum Hauptbahnhof wurde sich selber überlassen und war auf einige Zehntausend angewachsen. Über die Gleise irrten junge Menschen und versuchten sich durchzuschlagen. Wohin?  Wohin wohl, es gab ja keine Information. Über den Köpfen kreisten die Hubschrauber der Polizei als auch der Rettung. Wir sahen nur einen Plan, keinen mehr auf das Gelände zu lassen. Aber das wurde nicht kommuniziert. Es kriselte. Und ehrlich gesagt, wir wollten schnell weg. Beinahe kamen wir nicht zu unserem Wagen durch, weil die Polizei dachte wir wollten auf das Gelände. Erst durch massive Intervention ließ man uns durch. Als wir endlich in unserem Auto und aus dem Ring heraus waren, sahen wir wie immer mehr Polizei- und Rettungskräfte mit Blaulicht herangeführt wurden. Auch auf der A3 sahen wir immer wieder dutzende Einsatzfahrten auf Duisburg zufahren.

Mein Eindruck:

Was nützt die tollste Organisation wenn sie sich in der Realität nicht bewährt. Schönwetterorganisationen braucht man für solch eine Veranstaltung nicht, wenn es um Menschen und deren Leben geht. Für meine Begriffe haben sowohl die Stadt Duisburg als auch der Veranstalter  [Lopavent GmbH] der Loveparade auf der ganzen Linie versagt. Sie haben billigend in Kauf genommen, ob bewusst oder unbewusst, dass Menschen bei einer Grenzsituation zu Schaden kommen. Duisburg wollte anscheinend diese Imageveranstaltung "Loveparade", jetzt muss die Stadt mit dieser Entscheidung und deren Folgen leben. Wie schreibt die spanische Zeitung "El Mundo" "Der Umzug der Liebe wurde zur Parade des Horrors." und damit hat die Stadt Duisburg auch Deutschland in Verruf gebracht. Warum ist man nicht wie Bochum hergegangen und hat die Veranstaltung abgesagt? Die Bochumer haben nachdem das notwendige Sicherheitskonzept zu teuer wurde, die Veranstaltung abgesagt. Sicherheit geht eben vor allen anderen Aspekten, zumal wenn es um Menschen geht.
Was jetzt zu tun ist? Die Verantwortlichen von Stadt und dem Veranstalter [Lopavent GmbH] sollten ihren Hut nehmen und sich der Verantwortung stellen, alles andere wäre nicht angemessen genug den Toten und Verletzten gegenüber.

Für mich selber bleiben nur die Verarbeitung meiner Trauer und Hilflosigkeit und eine neue Erfahrung, die ich gerne nicht gehabt hätte.

Eines ist aber auch sicher, durch diese Tragödie wird das Vertrauen in die Sicherheitskonzepte einer Polizei als auch der öffentlichen
Behörden, wie einer Stadt, nachhaltig geschädigt. Was ist zum Beispiel von einer Polizei zu halten, die bei einem privaten Veranstalter und seinem Sicherheitsteam nicht einschreitet, wenn Menschenleben offensichtlich in Gefahr sind. Die Polizei in einem Staat ist für unserer aller Sicherheit verantwortlich, dafür darf nur sie alleine Gewalt gegenüber anderen ausüben. Und das mit gutem Recht. Sie hätte viel früher einschreiten  und die gesamte Sicherheit übernehmen müssen.

Jürgen Gerhardt für EN-Mosaik aus Duisburg

 


Sonderöffnung bis 24 Uhr zum Finale  aufgrund steigender Besucherzahlen

Neun Tage vor Abschluss der Sonderausstellung „Das schönste Museum der Welt“ – Museum Folkwang bis 1933 begrüßten das Museum Folkwang und Sponsor E.ON Ruhrgas, am  Freitag, 16. Juli 2010, den 300.000 Besucher. Die Besucherzahlen stiegen in der letzten Woche nach der WM noch einmal kräftig an.  Die Ausstellung endet am 25. Juli 2010 und ist als Sonderöffnung bis 24 Uhr zugänglich. So haben die Besucher noch einmal  Gelegenheit die Meisterwerke der Sammlung des Museum Folkwang bis 1933 in einem Haus zu sehen.

                    

Bei angenehmen, kühlen Temperaturen um 20 Grad innerhalb des Museums wurden das niederländische Ehepaar Guus Bloemers (64) und Gertruda Jeukens (61)  aus der Gegend um Maastricht mit weiteren Familienmitgliedern als 300.000 Besucher von Esra Aydin, Museum Folkwang, und Rita Hofmann-Credner, E.ON Ruhrgas, begrüßt (s. Foto). Sie freuten sich über einen Gutschein für die kommende große Sonderausstellung Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris, ab 2. Oktober im Museum Folkwang, freien Eintritt und einen Ausstellungskatalog "Das schönste Museum der Welt".

                    

Mehr als 1.400 Werke so genannter „entarteter“ Kunst beschlagnahmten die Nationalsozialisten 1937 und unterbrachen so brutal die fortschrittliche Ankaufs- und Ausstellungspolitik des Museums. Die meisten beschlagnahmten Werke wurden später verkauft und zählen zu den Höhepunkten der privaten und öffentlichen Sammlungen, denen sie heute gehören. Diese Meisterwerke sind nun für die Dauer von vier Monaten aus Amerika, Asien und Europa nach Essen zurückgekehrt, darunter Werke von Chagall, Kandinsky, Kirchner, Marc und Beckmann. Zugleich bringt die Ausstellung einen alten Schatz des Museums wieder ans Licht: Werke der alten und außereuropäischen Kunst, die lange in den Depots des Museums lagerten, werden erstmals wieder präsentiert. Insgesamt umfasst die Ausstellung 350 Werke: Gemälde und Skulpturen der Moderne, ausgewählte Arbeiten auf Papier, sowie Objekte der alten und außereuropäischen Kunst.

Die Ausstellung wird in bewährter Partnerschaft mit E.ON Ruhrgas realisiert, die als Sponsor seit 25 Jahren große, erfolgreiche Sonderausstellungen im Museum Folkwang ermöglicht hat. Sie ist eines der Hauptprojekte der Kulturhauptstadt RUHR.2010.

Zur Ausstellung erschien ein reich bebilderter Katalog (29 Euro) und ein Essayband (15 Euro) in der Edition Folkwang/Steidl. International renommierte Fachleute erschließen in ihren Beiträgen die geistigen Voraussetzungen für das Wirken von Karl Ernst Osthaus, Ernst Gosebruch und die Sammler ihrer Zeit ebenso wie Grundfragen des modernen Museums; sie werten dabei neue, bislang nicht berücksichtigte Quellen aus.

 

[jpg]Mindestens 10 Tote und mehrere Verletzte auf der Loveparade in Duisburg. Beim Durchgang durch eine Unterführung kam es durch eine Drängelei zur Massenpanik. Polizei und Rettungssanitäter mit Notärzten waren sofort vor Ort. Bei einigen Verletzten muss man noch bangen. 

Der Veranstalter hat Bedenken die Veranstaltung abzubrechen, da er auf dem großen Platz am Güterbahnhof eine weitere Massenpanik befürchtet. Es wird noch beraten, weil es recht zweifelshaft ist die Veranstaltung fortzusetzen. Alle stehen jetzt betroffen in der Presselounge zusammen und warten auf weitere News. Die Bilder die wir gesehen haben sind schrecklich.

Warum? Warum mußte das geschehen?

Die Veranstaltung wird definitiv abgebrochen. Zur Vorsorge werden mehrere Hundertschaften Polizei angefordert. Weiterhin werden aus dem ganzen Regierungbezirk Krankenwagen nach Duisburg beordert. Man will damit Vorsorge treffen, falls es zu einer weiteren Panik kommt um sofort Hilfe leisten zu können. Die Anzahl der Toten sind nunmehr auf 17 angewachsen.

Es sind überwiegend junge Menschen die in Duisburg friedlich feiern wollten und manche haben von sich aus abgebrochen. Viele sind von auswärts angereist, die nunmehr ihre Eltern anrufen wollten, damit die sich keine Sorge machen müssen. Nur das Mobilnetz ist total überlastet auch die Internetverbindung im Großraum Duisburg gibt kaum was her. In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass die Besucherzahl auf 1,3 Mio. angeblich angewachsen ist. Dem Vernehmen nach soll der Platz am Güterbahnhof jedoch nur für 500 tsd. ausgelegt worden sein.

Es ist ein schwarzer Tag für Duisburg und die Loveparade.

Wir selber wollen nicht an dem jetzt beginnenden Katastroheneinsatz unsere Berichterstattung abstellen und haben deshalb betroffen abgebrochen.

Gerade ( 23:00Uhr ) meldet die Polizei einen weiteren Toten, damit sind jetzt 18 Menschen gestorben.

Update 25.7.10 Es sind nun 19 Tote und über 300 Verletzte. Weitere Aussagen über die Verletzten konnte die Pressekonferenz nicht geben.

Auf Grund der uns nun vorliegenden Informationen werden wir nun unseren Artikel anfertigen. Wir werden den schon begonnenen Artikel "Wir sind da – Loveparade" canceln, weil wir den Artikel als unpassend ansehen. Ein Tag nach dieser Katastrophe hat sich bei den beiden Teams eine große Trauer und Betroffenheit eingestellt.

Hier ist der Artikel, wie versprochen.

 

Jürgen Gerhardt für En-Mosaik aus Duisburg.

Wir halten es für angemessen auf Grund der Tragödie diesen Artikel zu canceln und werden in einem extra Artikel berichten. Die Redaktion ist zutiefst betroffen.

Hier ist der extra Artikel: http://en-mosaik.de/?p=14060

 

 

[la] Es sollte auch für mich ein besonderer Tag werden – er wurde es, aber anders als ich je gedacht hatte.

Seit Anfang des Jahres sind wir unentwegt auf Pressekonferenzen und Veranstaltungen der Ruhr2010 im Einsatz. Alles, was bisher veranstaltet wurde war großartig und beeindruckend. Wir haben eine Crew kennengelernt, die bis ins Detail alles organisierte und plante und für reibungslose Abläufe und für die Besucher und Beteiligten einmalig beeindruckende Veranstaltungen und Events inszenierten.

Der Spruch "Wo das geht, geht alles" motivierte und gab emotional einen starken Schub an Vertrauen, Zuversicht und Mut. Viele Dinge, die ich in diesem Jahr mitgemacht habe, hätte ich sonst nicht getan, seien es die abenteuerlichen Fahrten beim Ruhr-Atoll, die Fahrt mit "Der Reservist" auf dem Kanal, der Einsatz in der "Veltins-Arena" und, und, und.

Aber alles war und wurde einfach gut, dank der Umsicht und Organisation der Macher der Ruhr2010 GmbH und ihrer Crew. Ich habe selten solch gut aufeinander eingespielte Teams gesehen, die "mit Herz" und nicht wegen ihres Jobs an einer Sache arbeiteten und sie sind für mich immer noch Menschen, denen ich große Achtung zolle.

Dann kam das Projekt "Loveparade". Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Ruhr2010 GmbH hier zwar mit ihrem Label eingebunden war, aber letztendlich mit der Organisation nichts zu tun hatte und auch keinerlei Einfluss darauf nehmen konnte.

 

Unser "junges Team war schon ganz heiß auf die Loveparade und wir selbst wollten ursprünglich zu Hause bleiben und das Ganze von hier aus begleiten. Dann wurde die Frage an unsere Redaktion gestellt "Holt Ihr uns nachts dort ab?" Klar doch, wollten wir.Und dann "Oder könnt Ihr uns auch hin bringen, denn es wird mit dem Zug wohl chaotisch werden und mit dem Auto hat man kaum eine Chance, da ja ziemlich viel Straßen gesperrt werden sollten."

Und plötzlich reagierte ich spontan "Ja, dann möchte ich eigentlich auch dabei sein – nicht mittendrin, aber hautnah dran", denn ich wußte, dass für die Medien ein Extrabereich eingerichtet wurde, wo sie sich zurückziehen und auch von da aus direkt live Artikel und Bilder ins Internet einstellen konnten.

Wir haben uns nachakkreditiert und dann am Donnerstag während der Ortsbesichtigung und des Soundchecks, welche von 16:00 bis 17:00 Uhr angesetzt waren unsere Ausweise abgeholt. Schon da merkte man, dass diese Organisation weit entfernt von den üblichen Vorbereitungen war, die wir sonst von Veranstaltungen der Ruhr2010 GmbH gewohnt waren. Es war klar – hier gab es andere Verantwortliche. Hier hatten die Stadt Duisburg und der Veranstalter Lopavent GmbH, Berlin das Sagen, hier war in den Ablauf und die Planungen die Ruhr2010 nicht eingebunden.

Es war für uns schon schwierig, den richtigen Eingang zum Veranstaltungsort zu finden und so wurden wir auf Befragen von Passanten und Ordnungshütern hin und her geschickt, bis das wir endlich kurz vor Ende des Termins das Gelände erreichten.

Als ich meine Fotos machte sprach ich mit einigen Kollegen, die auch bei den sonstigen Veranstaltungen mit uns zusammentrafen.

Ich machte mir Sorgen um den recht fragwürdigen Aufbau der Pressebrücke, der nur 80 Personen aushalten sollte, rund 1.000 Vertreter hatten sich aber angekündigt. Würde das wirklich kontrolliert? Das war ja jetzt, wo nur wenige von uns heraufkletterten schon ziemlich wackelig.

                                    

Dann hatte ich so stille Bedenken, das das mehr als morbide Gebäude des ehemaligen Güterbahnhofs dem aggressiven Dröhnen der Bässe nicht Stand halten könnte. Letztendlich war der Soundcheck auf 1/3 herunter gedimmt und schon das war recht heftig (also auf jeden Fall Ohrstöpsel mitnehmen). War die Statik dafür berechnet? Ich habe jahrelang in einem Betrieb gearbeitet, der mit dem Bau zu tun hatte.

Was aber viel mehr nachdenklich stimmte war die Tatsache, das von den anwesenden Helfern und Ordnungshütern jeder nur über seinen kleinen Bereich informiert war und nicht global über das Gesamtkonzept der Organisation Bescheid wußte und auch sehr junge Helfer eingesetzt waren, die bereits im Vorfeld den Eindruck machten, etwas überfordert zu sein. Das wir auf dem riesig freien Platz an einer Stelle parkten, die nicht dafür vorgesehen war, war wichtiger, als Informationen an uns weiter zu geben, die für den nächsten Tag, dem Ereignis von Bedeutung waren.

Wir fuhren grummelnd nach Hause  und machten uns schon unsere Gedanken, wie das alles wohl bei so viel Unbedarftheit funktionieren soll. Aber das war es auch erst einmal – leider. Man kommt zu leicht zu dem Gedanken "Ich kann´s nicht ändern"

Am nächsten Tag fuhren wir recht früh mit dem Auto  nach Duisburg und erwischten, oh Wunder, auch noch einen Parkplatz ausserhalb der Sperrungen. Mit Kameras und Laptop ausgestattet machten wir uns auf den Weg zum Veranstaltungsort und da ging es auch schon los. Da wir ja nach langem Parkplatzsuchen nun ortsunkundig in Duisburg waren und in Richtung der gesperrten Straßen gingen um Ordnungshüter nach dem Weg zu fragen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, es waren Mengen an Polizisten an allen möglichen Stellen vorhanden, aber sie kannten sich selbst nicht vor Ort aus. Sie waren u.a. aus Leipzig angerückt, haben ihren Platz angewiesen bekommen – aber keinen Stadtplan, keine Informationen oder Anweisungen wo es zu den Eingängen ging.

 


Auf der linken Seite sieht man den geraden und breiten Zugang für die Presseleute.

Oben Besucher, die während der Katastrophe auf der Gegenseite – dem eigentlichen Ein- und Ausgang für Besucher – ausnahmsweise diesen Eingang auch benutzen durften.

     

Wir hatten für die Presse und Vips einen eigenen breiten Eingang. Bei dem Gedanken läuft mir jetzt noch ein Schauer über den Rücken. Für uns Medienleute war er viel zu breit, hätte er schmaler sein können und für die Besucher hätte es eine bessere Lösung sein können. Irgendwann im Laufe des Tages, als sich auf der anderen Seite schon das Unglück ereignet hatte, wovon wir noch keine Kenntnis hatten, da wurden auf einmal durch diesen Eingang an die etwa 300 – 400 Besucher eingeschleust und auf das Gelände gelassen – wahrscheinlich um die andere Seite zu entlasten.

Bei einer gut vorbereiteten Planung hätte hier gut eine Ausweichmöglichkeit geschaffen werden können. Aber Plan B gab es wohl nicht.
Vorher war alles recht easy abgelaufen. Der Platz hatte sich allmählich gefüllt. So allmählich, dass ich schon den Eindruck hatte, da haben die wohl zu viel erwartet. Nach dem Startschuss und als die Floats sich in Bewegung setzten, sah es schon anders aus.
Da waren doch schon Mengen auf dem Platz. Fröhliche, junge Menschen. Zwar etwas ausgeflippt kostümiert, aber keinesfalls aggressiv und unangenehm in ihrer Art.  Nein es war Stimmung auf dem Gelände und ich fand, dass es gut war, das ich das mal selbst miterleben konnte. Überall gute Laune und Musik (durch die Ohrstöpsel gut zu ertragen) und Fotomotive ohne Ende.

Ich hatte mir sogar ein Tshirt von "The Art of Love" zugelegt und es auch sofort angezogen. Es sollte eine spätere Erinnerung an diesen außergewöhnlchen Tag sein. Nun liegt es im Schrank und wenn ich es sehe steigt Traurigkeit in mir auf.

Unser "junges" Team hatte sich sogar unter die Menge gemischt, um von dort aus Fotos zu machen. Als sie zurück kamen berichteten sie, das auf der gegenüberliegenden Seite (also dem Eingang für die Besucher) ziemliches Gedränge herrschte und man in der Menge ziemlich hin und her geschoben würde. Das war aber nicht direkt im Eingang, sondern davor, wo die Floats ihre Runden drehten.

Es war aber alles noch überschaubar und eine absolut fröhliche Stimmung. Bis zu dem Moment, als einer unserer Pressekollegen aus Richtung Eingang kam und völlig aufgelöst berichtete "Es soll schon 10 Tote geben".

Ich verließ die Pressebrücke und ging ins Hauptzelt, wo die Presseleute schon über Twitter, Facebook im Internet informiert wurden. Die grauenvollen Bilder die von Reportern von WAZ Gruppe und den Agenturen oder auch Bild  und anderen Medienvertretern jetzt eingespielt wurden,  haben mich völlig aus der Bahn geworfen. Es war ein Gefühlschaos, das ich gar nicht beschreiben kann. Dann ging es weiter "schon 15"  – "schon 17" – " jetzt 19 Tote".

Es war nur noch betretene Stimmung und Entsetzen über diese traurigen Tatsachen. Und es war außerdem bedrückend, dass direkt vor uns ahnungslose Raver jubelten und tanzten, während ein paar Meter weiter die Toten und Verletzten geborgen wurden. Aber irgendwo begriff man auch, das ein spontaner Abbruch evtl. weiteres noch größeres Chaos hervorgerufen hätte. So mußte man versuchen, mit der grotesken Situation fertig zu werden. Es war nicht wirklich möglich.

Viele unserer Pressekollegen mußten auf Anweisung ihrer Agenturen "vor Ort" gehen um Katasstophenbilder zu bringen. Wir brachen ab, verließen den Ort des Leids und fuhren gefühlsmäßig innerlich gelähmt nach Hause.

Aber im Herzen und Gedanken ist dieser Ort mit uns gezogen. Bis heute!!!! Seit Sonntag laufen auf unserem Fernseher sämtliche Sondersendungen über das Duisburger Drama. Freunde aus dem Pressebereich von uns sind gestern noch einmal an den Ort der Trauer gefahren und haben auch in unserem Auftrag für die Verstorbenen eine Kerze gezündet. Ein normaler Alltag ist immer noch nicht möglich, wie muß es des direkt Betroffenen erst zu Mute sein.

Unsere Gedanken sind bei den jungen Menschen, die auf solch eine unsinnige Weise ihr Leben verlieren mußten. Bei den Familien – wie sollen sie damit fertig werden – wie es begreifen, ohne zu wissen, warum es so passiert ist. Gedanken sind bei den vielen Verletzten, deren Zahl auch immer mehr angewachsen Ist !?! Gedanken bei denen, die Gott sei dank überlebten, aber dieses Grauen hautnah miterleben mussten. Gedanken bei den Helfern, die ebenfalls von den Ereignissen traumatisiert sein müssen, helfen zu wollen und nur begrenzt helfen zu können, oder schlimmer noch gar nicht.

Ich stehe völlig neben mir – immer noch.

Und trotzdem kommt irgendwie Wut auf über Verantwortliche und Veranstalter, die sich gegenseitig versuchen die Schuld zuzuschieben und auf Langwasser machen in der Hoffnung selbst evtl. unbeschadet daraus zu kommen.

Wut aber auch über diejenigen, die lapidar sagen "Sind ja alles nur Säufer und Drogensüchtige", "warum geht man überhaupt zu einer Massenveranstaltung" – Leute, die andere einfach verurteilen. Wer selbst dabei sein konnte – egal ob als Berichterstatter oder Raver/Besucher, der hat auch die unendlich vielen jungen Menschen gesehen, die einfach nur Spaß haben  und "ihre" Musik hören und tanzen wollten.

Und wenn irgendwann in den nächsten Stunden oder Tagen in meiner Gefühlswelt wieder der Alltag Einzug hält, dann wird dieses Erlebnis nur noch ein Schatten sein, aber ein Schatten, der in der Erinnerung immer irgendwie bleiben wird.

 

Linde Arndt von EN.Mosaik